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Neue Maßstäbe in der Virtual Production

An der Hochschule Hamm-Lippstadt steht eine der technisch ambitioniertesten Virtual-Production-Stages Deutschlands.
Wer das VFX Lab der Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL) am Campus Lippstadt zum ersten Mal betritt, ist mehr als beeindruckt: eine gebogene LED-Hauptwand mit 19 × 4 Metern, eine kinetische mobile Wand mit 240 Hz, über 100 Millionen verbaute LEDs, präzises Kamera-Tracking, eine Arri-Cinema-Kamera, kinotaugliches Grip-Equipment – alles integriert in einem synchronisierten System aus Genlock, Timecode und Dante-Audio. Der Name des Studios ist Programm: Immersive Multipurpose LED Stage, kurz IMLS.
Hamm-Lippstadt ist keine Hochschule, bei der man Virtual Production auf Anhieb auf dem Radar hätte. Die Hochschule hat gut 7.000 Studierende und einen klaren ingenieurwissenschaftlichen Schwerpunkt. Genau das macht das Projekt so interessant: Die IMLS ist kein Prestigebau für eine Filmhochschule, sondern eine strategische Investition in interdisziplinäre Forschung und praxisnahe Lehre.
Hintergründe
Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist Stefan Albertz, Professor an der HSHL. Albertz kommt aus der Filmpraxis – er war in München in der VFX-Branche tätig, bevor er den Ruf nach Lippstadt annahm. Seit rund sechs Jahren ist er an der Hochschule und hat dort konsequent darauf hingearbeitet, Virtual Production nicht nur als Lehrinhalt, sondern als gelebte Infrastruktur zu etablieren.

von links: Oliver Dier/ Brompton Technology, Stefan Albertz, Rainer Brandstätter / AV Stumpfl, Florian Schlecht / ICT AG, Marco Schalkwijk / Infiled
Den entscheidenden Impuls bekam Albertz, als er eine frühe Virtual-Production-Stage besichtigte, die ICT gemeinsam mit weiteren Partnern in Babelsberg realisiert hatte – die Halostage, eines der ersten LED-Volumes in Deutschland. »Stefan hat die Stage gesehen, große Augen bekommen – und dann hat er gebrannt«, erinnert sich Florian Schlecht, Project Owner bei der ICT AG. Daraus wurde ein intensiver Austausch über Technologie, Pädagogik und die Frage, was eine Hochschul-Stage leisten muss, die nicht nur für Filmstudenten, sondern gleichermaßen für Maschinenbauer, Medizintechniker und Game Designer nutzbar sein soll.
Das Projekt nahm konkrete Form an, als die HSHL die nötigen Mittel einwarb – und dabei, so Schlecht, keine Kompromisse einging. Die ICT AG gewann die Ausschreibung nicht zuletzt deshalb, weil sie mit den gebogenen Infiled-LED-Panels ein Produkt anbieten konnte, das Albertz von Anfang an im Sinn hatte und das nur wenige Integratoren in dieser Form liefern konnten.
Auf ICT-Seite übernahm Florian Schlecht die Verantwortung für Beratung und Sales, während Detlev Fund als Projektleiter die technische Umsetzung koordinierte. Fachplanerisch begleitet wurde das Vorhaben von Christina Kimmig vom Büro FachWerk, die die komplexen medientechnischen Anforderungen in die Gebäudeplanung übersetzte – darunter über 40 Kilometer verlegte Glasfaserkabel, eine Außenzufahrt für Großobjekte und Fahrzeuge sowie ein klimatisiertes Studio mit akustischer Optimierung und einem Studioboden mit hoher Tragkraft.
Gebogene LEDs
Das technische Herzstück der IMLS ist die curved LED-Wall des Herstellers Infiled mit einem Pixel Pitch von 1,56 mm und einer Bildrate von bis zu 240 Hz. Die Hauptwand misst 19 × 4 Meter, dazu kommt eine mobile Einheit mit 3 × 3 Metern – zusammen ergeben die über 100 Millionen verbauten LEDs eine Bildfläche von 85 Quadratmetern.
Die 240-Hz-Spezifikation ist dabei keine Marketingzahl, sondern löst ein konkretes Problem: den Smearing-Effekt, der bei schnellen Kamerabewegungen vor LED-Walls zu unscharfen, verschmierten Bildkanten führt. »Die 240-Hertz-Wand haben wir mit Infiled zusammen entwickelt«, erklärt Schlecht. »Das war damals ein echter USP – inzwischen gibt es andere Hersteller, die nachgezogen haben, aber wir waren dabei, als es noch keiner konnte.« Die enge Partnerschaft mit Infiled ist kein Zufall: ICT AG ist die Nummer-eins-Referenz des Herstellers in Europa, so Schlecht, und hat in der Vergangenheit gemeinsam Spezialprojekte für Automobilhersteller und Simulationsanwendungen realisiert – Erfahrungen, die direkt in die Entwicklung der IMLS eingeflossen sind.
Die eingesetzten Infiled-Panels basieren auf Cold-LED-Technologie, die im Vergleich zu konventionellen LED-Systemen deutlich weniger Strom verbraucht und kaum Abwärme erzeugt – ein relevanter Faktor im Dauerbetrieb einer Hochschulstage. Die IMLS ist zudem direkt an die Photovoltaikanlage der Hochschule angebunden. Ein von ICT AG integriertes Monitoring-System synchronisiert den Energieverbrauch der Stage-Komponenten in Echtzeit mit der aktuellen Solarstromproduktion und passt die Nutzung dynamisch an die verfügbare Energie an – ein innovativer Schritt in Richtung klimaneutrale Medienproduktion, der im Hochschulkontext besondere Symbolkraft hat.
Ingenieurskunst aus eigener Werkstatt
Die mobile LED-Wand der IMLS ist mehr als ein fahrbares Zusatzelement. Die knapp zwei Tonnen schwere, 12 Quadratmeter große Einheit wurde von der eigenen Konstruktions- und Kinetik-Abteilung der ICT AG mit einer ungewöhnlichen Mechanik ausgestattet: Die Wand lässt sich wie ein Garagentor über Objekte fahren – also auch über Fahrzeuge, die direkt durch die Außenzufahrt ins Studio gerollt werden können. Für Fahrsimulation, Fahrzeugtests oder die Visualisierung von Fahrerassistenzsystemen entstehen damit Möglichkeiten, die kein Green Screen bieten kann. »Damit geben wir der Hochschule ein Werkzeug für maximale Flexibilität und Anwendungstiefe«, sagt Schlecht. »Vom Fahrsimulator bis zum stereoskopischen Kino.«
Seite 1: Eckdaten, LED-Wand, eigene Werkstatt
Seite 2: Processing, Medienserver, Tracking, Resümee
Autor: C. Gebhard
Bildrechte: ICT AG, HSHL












