Postproduction, Test, Top-Story: 23.12.2011

Praxistest: Sony Vegas Pro 11

Sony liefert seit kurzem die Version 11 der Editing-Software Vegas Pro aus. Zwar hat sich auf den ersten Blick gar nicht so viel geändert, aber ein Blick auf die minimalen Systemanforderungen verdeutlicht, wo die neuen Schwerpunkte liegen: beim Rendern wird nun auch die GPU-Leistung ausgenutzt.

So richtig weit verbreitet ist Sonys Editing-Software Vegas Pro zumindest im deutschen Profi-Markt nicht. Aber seit Sony die Software vor ein paar Jahren zugekauft hat, wurde sie konsequent weiterentwickelt und so lohnt sich ein Blick für den einen oder anderen Anwender doch. Ein Test der Version 11 zeigt den aktuellen Stand.

Hohe Anforderungen

Wer in den Genuss der schnelleren Verarbeitung kommen will, die Vegas 11 potenziell mitbringt, der braucht neben Windows Vista oder 7 und mindestens 2 GB RAM, auch eine leistungsfähige Grafikkarte: Nvidia-Karten ab GeForce GTX 4xx oder ein ATI-Board ab Radeon HD 57xx, jeweils mit Open CL Unterstützung.

Durch deren Einsatz verringert sich dann nicht nur die nötige Zeit für die Berechnung von GPU-beschleunigten Effekten, sondern auch die Renderzeit bei der Erzeugung von Ausgabedateien. Bei unserem Testsystem mit einer Nvidia Geforce GTX 550 Ti halbierte sich die Renderzeit bei der Ausgabe gegenüber der Renderzeit mit Vegas 10.

Allerdings ist zu beachten, dass es bei Effekten und Übergängen nur dann schneller geht, wenn der Effekt auch die GPU-Beschleunigung ausnutzt, was nicht alle vorhandenen Effekte und Transitions machen. Bewegungseffekte vom Pro Type Titler etwa, werden in Vegas 10 sogar schneller wiedergegeben als in Vegas 11. Und wenn es so richtig ans Eingemachte geht, dann muss wirklich eine Nvidia Quadro oder ähnliches her – eine Investition, die gut oberhalb der Kosten für Vegas Pro 11 liegen kann. Nur wer regelmäßig entsprechende Effekte oder Titel verwendet (etwa mit Schatten), sollte über eine entsprechend teure Grafikkarte nachdenken. Für User, die nur hin und wieder solche Effekte rendern und zuvor anschauen wollen, bleibt ja immer noch die Möglichkeit, eine RAM-Vorschau zu rendern, die dann flüssig abgespielt wird.

Im Testrechner mit Windows 7 werkelte neben der Nvidia Geforce GTX 550 Ti ein AMD Athlon II X4 640 (4x 3.0 GHz) Prozessor und es standen 8 GB RAM zur Verfügung. Das hat sich als sehr sinnvoll erwiesen, denn bei der Bearbeitung von XDCAM-EX-Material trat ein interessanter Effekt auf: Wird eine komplexe Stelle mehrfach hintereinander abgespielt, und diese beim ersten Mal nicht mit 25 fps wiedergegeben, geht die Bildfrequenz bei jedem erneuten Abspielen nach oben – und ermöglicht so abhängig von der Komplexität und dem verfügbaren RAM eine ziemlich flüssige Vorschau bis hin zu 25 fps. Eine sehr gute Funktion, aber generell gilt natürlich: je mehr RAM-Speicher zur Verfügung steht, desto besser. Es lohnt sich also in jedem Fall, in mehr RAM zu investieren – vorausgesetzt, man arbeitet mit einem 64-Bit-Betriebssystem, das den RAM-Speicher auch verwalten kann und mit einer 64-Bit-Software, wie es Vegas Pro 11 ist.

Insgesamt lohnt es sich bei Vegas Pro, die Einstellungen für die Vorschau zu testen. Geringere Auflösung bedeutet nicht unbedingt eine höhere Bildwiederholfrequenz. Im Test war die »halbe Auflösung« in der Vorschau oft schneller als eine geringere Auflösung. Die effektive Bildfrequenz hängt letztlich von verschiedenen Faktoren wie Bildinhalt aber auch Rechnerressourcen ab. Ein Vergleichstest mit Vegas Pro 10 förderte übrigens folgendes zutage: Ein Projekt mit drei Videos und einem Titlellayer (Pro Titler), davon zwei Videos und der Titel bewegt, wurde in Vegas Pro 10e nicht nur etwas schneller, sondern vor allem auch flüssiger wiedergegeben als in der Version 11 (Build 425). Nimmt man jedoch den mit dem Pro-Titler erstellten Titel heraus, ist Vegas Pro 11 schneller.

Titler

Pro Titler kann leider (immer noch) nicht überzeugen, denn er ist ein ordentlicher Ressourcenfresser. Schon ein einziger Titel mit Verlauf und einem Drop-Shadow drückte das Testsystem auf weniger als 10 fps in der Vorschau. Das scheint auch den Entwicklern nicht entgangen zu sein, denn nur so lässt sich erklären, warum gleich zwei andere Titler mit Vegas Pro 11 ausgeliefert werden: Der NewBlue Titler Pro kann mehr als der der Pro Type Titler, der Titel & Text weniger. Aber beide haben ihre Daseinsberechtigung.

Titel & Text eignet sich für »normale« Titel inklusive Abspann. Er ist im Vergleich zu dem bislang in Vegas Pro vorhandenen Titler wirklich gut. Verschiedene Schriften und -größen können auch innerhalb eines Wortes verwendet werden. Titel-Farbe, Laufweite, Zeilenabstand, Umriss und Schatten sind getrennt festzulegen und auch mit Keyframes animierbar. Beim Verstellen des Parameters »Schatten« überzeugt die Software allerdings nicht. Ein sehr schönes Feature ist aber die Positionierbarkeit des Titels im Vorschaufenster. 24 Vorlagen, die sich allerdings nicht verändern lassen, ermöglichen schnelles Arbeiten.

Wer mehr als nur diese Grundfunktionen benötigt, sollte zum mitgelieferten New Blue Titler greifen. Dort sind noch viel mehr Parameter beeinflussbar, und auch die Erstellung von 3D-Titeln ist möglich. Dass man bei einem bereits erstellten Titel mit der Maus über die Vorlagen fahren kann und das Ergebnis auch in der Vorschau sofort angezeigt bekommt, fällt positiv auf. So können selbst Ungeübte zügig zu sehr respektablen Ergebnissen gelangen. An der Stabilität in der Zusammenarbeit mit Vegas sollte allerdings noch gearbeitet werden: Im Test kam es bei der Verwendung des New Blue Titler mehrfach zu Abstürzen.

Keyframes und Effekte

Sehr schön ist die neue Möglichkeit, die Parameter der meisten Effekte per Keyframe einzelnen steuern zu können: das bietet mehr Freiraum bei der Gestaltung. Zwar lassen sich nicht alle Effekte und Übergänge per Keyframes steuern, aber die Mehrzahl.

Unter den Neuheiten befindet sich auch eine sternförmige Blende in verschieden Variationen, die sicher den einen oder anderen Liebhaber finden wird, die aber insgesamt an die schon vorhandenen meist recht verspielten Übergänge und Effekte erinnert. Allerdings sind die Effekte und Übergänge nun mit deutschen Namen versehen. Neu ist auch die Möglichkeit, radial zu verpixeln. Das ist eigentlich eine gute Idee, um Gesichter unkenntlich zu machen, jedoch fehlt dazu die Möglichkeit den Wirkungsbereich einzugrenzen, daher muss eine entsprechenden Maske vom User erzeugt werden.

Die Effekte und Übergänge sind nun auch in verschiedenen Gruppen zusammengefasst, was die Übersichtlichkeit erhöht. Jedoch sind diese Gruppen und deren Inhalte festgelegt und die Effekte/Übergänge teilweise redundant angezeigt. Beispielsweise werden die NewBlue-Effekte des Titler-Pakets in drei Gruppen angezeigt. Zudem gelang es im Test nicht, eigene Gruppen zu erzeugen. Schade, denn durch eine eigene Sortierung würde das Ganze noch übersichtlicher werden. Nach wie vor können natürlich Filtersets innerhalb der Filterkette gespeichert werden, sind aber dann nur dort wieder aufrufbar.

Überarbeitet wurde die Stabilisierungsfunktion, die eine einfachere Verwendung verspricht. Allerdings muss man beachten, dass der Clip schon im Projekt stabilisiert werden muss und nicht erst auf der Timeline. Zur Stabilisierung gibt es verschiedene Voreinstellungen, die jedoch auch verändert werden können.

Eine weitere Neuerung ist die Möglichkeit, in Stereo-3D-Projekten für die Übergänge eine stereoskopische Tiefe hinzuzufügen, die sich auch per Keyframes steuern lässt. Das ist eine sehr gute Ergänzung zur stereoskopischen Anpassung der Clips.

Audiomixer und Sync Link

Der Audiomixer hat – wie Sony sagt — einige »visuelle Veränderungen« erfahren, die allerdings sehr klein sind und erst bei näherem Hinsehen auffallen, denn die Menüpunkte unter Audioeigenschaften wurden von 25 auf neun reduziert, wobei vorher einige redundant waren. Im Masterbus wurden die Buttons »Bus einfügen« und »zuweisbare Filter einfügen« weggelassen. Sie sind jetzt nur noch in der Mischerkonsole vorhanden, die jedoch nur einen Klick weit entfernt ist. Insgesamt sind die Veränderungen im Audiobereich also nur marginal.

Interessant ist die neue Funktion »Sync Link«, die den Event-Gruppierungen ähnlich ist. Aber im Gegensatz zu diesen verhält sich »Sync Link« wie eine Einbahnstrasse. Es gibt einen Haupt-Event, also einen längeren Clip und meist darüber einen oder mehrere untergeordnete Events, also beispielsweise Inserts oder Titel. Werden sie nun mit »Sync Link« verbunden, so können sie als Gruppe gemeinsam bewegt werden, wenn der Haupt-Event angefasst wird. Die untergeordneten Events sind aber frei zum Haupt-Event beweglich, wenn diese angefasst werden. Somit ist eine feine Justierung der untergeordneten Events ohne Auflösung der Gruppe ebenso möglich, wie eine Verschiebung der gesamten Gruppe auf der Timeline.

Ausgabe

Das Fenster der Funktion »Rendern als« wurde komplett überarbeitet. Die vorhandenen Vorlagen werden jetzt direkt unter dem Dateityp aufgelistet, was das Auffinden deutlich vereinfacht. Die einzelnen Vorlagen können nach wie vor angepasst, beziehungsweise selbst erstellt werden. Somit ist ein tiefer Eingriff in die jeweilige Transcodierung möglich. Dazu gehört selbstverständlich auch die Auswahl des Codecs bei Containerformaten wie Quicktime oder AVI. An dieser Stelle ein Tipp: Auch wenn die mit Vegas Pro 11 und dem Betriebssystem installierten Codes reichlich sind, gibt es noch weitere. Diese sind, wenn sie aus dem Internet geladen und auf dem System installiert werden, unter Vegas Pro verfügbar.

Die Möglichkeit unter den Vorlagen bei »Rendern als« Favoriten auszuwählen und nur diese anzeigen zu lassen, macht eine schnelle Auswahl noch einfacher. Das »Rendern als«-Tool bietet mehr Eingriffsmöglichkeiten als so manches Konvertierungsprogramm. Es ist schon lange eine der großen Stärken von Vegas Pro, und mit der neuen Version hat es noch einmal zugelegt.

Wer Stereo-3D-Projekte schneidet, wird sich über die neue Unterstützung von Nvidia 3D Vision freuen, mit der auf entsprechenden Monitoren eine Stereo-3D-Darstellung möglich ist.

Der Mainconcept AVC/AAC-Codec bietet jetzt auch die Möglichkeit, die Dateien für progressiven Download zu rendern, was es dem Zuschauer erlaubt, den Film auch schon während des Downloads anzusehen. Außerdem wird das Rendering dieser Dateien durch die GPU beschleunigt.

Software für Profis?

Sony Vegas Pro will professionalle Anwender ansprechen. Aber die Nähe der Software zu den beiden Consumer-Versionen von Vegas Movie Studio HD ist in manchen Bereichen recht deutlich. Vielleicht wäre es sinnvoll, die Pro-Version noch etwas mehr zu professionalisieren, um zu signalisieren, dass es sich wirklich um ein professionelles Werkzeug handelt. Dazu würde auch eine Überarbeitung der Filter und Übergänge gehören.

Auch wenn die Filter und Effekte in Vegas Pro mit den Jahren besser geworden sind und durch die Keyframe-Fähigkeiten der neueren Effekte ab dieser Version einen deutlichen Sprung gemacht haben, ist ihre Qualität noch nicht überragend. Insbesondere die älteren, consumer-orientierten Effekte und Übergänge sollten entweder in Rente geschickt werden, oder zumindest nur auf Wunsch installiert werden.

Ein weiteres sinnvolles Feature für eine neue Version wäre die Möglichkeit, nicht nur ein Projekt in ein anderes einfügen zu können, sondern dieses auch als Reihe von Clips einfügen zu können. Das würde die weitere Bearbeitung deutlich vereinfachen.

Plug-Ins

Wer viel mit Effekten und Übergängen arbeitet, wird sich ohnehin Plug-Ins kaufen. Es gibt eine ganze Reihe von Anbietern, deren Plug-Ins mit Vegas verwendet werden können – etwa Continuum Complete von Boris FX (BCC). Derzeit gibt es für Vegas Pro noch die Version 7, aber die Version 8, die für andere Schnittprogramme schon verfügbar ist, wird wohl im ersten Halbjahr 2012 zu haben sein. Die Version 7 ist auch mit  Vegas Pro 10 kompatibel, allerdings erst ab der Version 10e. BCC hat zahllose Filter und Effekte in guter Qualität. Zu den wichtigsten zählen: Film-Effekte, Stabilizer, automatisiertes Motion-Tracking, Lichteffekte und eine Schriftgenerator inklusive extrudierten und type-on Texten. Alles ist in sehr vielen Parametern keyframebar. Die viele Presets lassen sich durch den Benutzer verändern und zur Wiederverwendung auch speichern.

Wer viel mit Keys arbeitet, wird sich über die differenzierten Möglichkeiten der Matte-Erstellung sehr freuen. Sie geht weit über die üblichen Bordmittel von Vegas Pro hinaus. Dazu gehören auch Matte Clean Up und Light Wrap, die dafür sorgen, dass die Stanze sehr natürlich wirkt. Wer mit den in Vegas Pro vorhandenen Titlern noch nicht genug Möglichkeiten hat, wird wohl spätestens mit BCC Extruded Text, Extruded Spline und Extruded EPS das Werkzeug seiner Wahl finden. Mit Extruded EPS lassen sich beispielsweise in externen Programmen erstellte Logos im 3D Raum animieren. Bei allen drei Tools ist eine virtuelle Kamera integriert, mit der man sich um die erstellten Objekte bewegen kann.

Für Nutzer, die in ihren HD-Projekten auch SD-Material verwenden wollen, ist BCC UpRez sehr hilfreich. Sehr positiv fiel auch auf, dass die Vorschau selbst dann flüssig vonstatten geht, wenn das Bild mit mehreren Filtern und keyframebaren Parametern beeinflusst und optimiert wird. Das spricht für eine saubere Programmierung.
Bei der Aktualisierung von Vegas Pro 11 mit neueren Versionen aus dem Internet verschwinden übrigens die zuvor installierten BCC-Filter und -Übergänge. Deshalb sollte man vorher die Plug-Ins auch an einen sicheren Ort kopieren und nach dem Updaten wieder zurück kopieren (Programme->Sony-> Vegas Pro 11-> OFX Video Plug-Ins).

DVD Architect, das ja schon lange zum Bundle von Vegas Pro gehört, ist auch bei Version 11 wieder dabei, allerdings noch immer in der Version 5.2, die nur mit 32 Bit arbeitet, aber immerhin auch auf 64-Bit-Betriebssystemen läuft. DVD Architect bietet weit mehr als die im Consumer-Bereich angebotenen Programme. Neben verschiedenen Funktionen, um Menüs und Submenüs sowie mehrere Ton- und Untertitelspuren zu erzeugen, gibt es auch die Möglichkeit des Scriptings, das tief in die Ablaufsteuerung eingreifen kann.

Fazit

Alles in allem bietet Vegas Pro 11 zwar keine herausragenden Neuerungen, aber viele gute Verbesserungen. Insbesondere die Keyframe-Fähigkeit einzelner Parameter und die beiden neuen Titler sind hier zu nennen. Vegas Pro 11 ist besonders für Nutzer interessant, die Wert auf sehr gute Tonbearbeitungs- und Export-Möglichkeiten wert legen. Der Nettopreis für die Vollversion beträgt rund 540 Euro, für ein Upgrade von jeder früheren Vegas Pro Version rund 140 Euro; Boris Continuum Complete kostet rund 765 Euro netto. 

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Autor
Andreas Frowein
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