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Facebook meets Youtube

Mitte Juli kommt Sönke Wortmanns neuer Film »Deutschland. Dein Selbstporträt« in die Kinos. Die inhaltliche Besonderheit des Films besteht darin, dass er komplett aus Material geschnitten wurde, das von Leuten eingesendet wurde, die dazu Lust hatten. Im Vorfeld hatte es eine Kampagne gegeben, die alle Menschen in Deutschland aufrief, am 20. Juni 2015 ihre Eindrücke, Erlebnisse und Gefühle filmisch festzuhalten und diese Aufnahmen einzureichen.

B_0616_Filmfest_Avid_PlakatMehr als 10.000 Menschen folgten im vergangenen Jahr diesem Aufruf und sendeten ihr Material ein. Daraus ist nun ein Kinofilm entstanden, der in vielfacher Hinsicht erst durch technische Entwicklungen der jüngeren Zeit möglich wurde.

Auf der einen Seite gibt es mit aktuellen Smartphones erstmals für nahezu jeden die Möglichkeit, ein Video in akzeptabler Qualität zu drehen. Dass ein großer Teil der Einsender Hochkantvideos schickte, war zwar nicht optimal für die Kinoauswertung, aber bei den richtigen Inhalten letztlich auch kein Problem, so Sönke Wortmann.

Auch bei der Motivation der Mitmacher und bei der Anlieferung der Clips vereinfachte moderne Technik die Realisierung des Films: Über Facebook konnten die Macher potenzielle Teilnehmer direkt erreichen und breiter Basis zum Mitmachen animieren und Ihnen gleich einen einfachen Upload-Weg anbieten.

Auch beim nächsten Schritt, der Postproduktion, wurden die neuesten technischen Möglichkeiten genutzt: Nur so konnten mit einigermaßen vertretbarem Aufwand die Unmengen des hochgeladenen Materials bewältige werden — gesichtet, sortiert, eingeordnet und letztlich zum fertigen Film geschnitten. (Weitere Infos dazu finden Sie in einem aktuellen Artikel bei film-tv-video.de.)

Noch vor wenigen Jahren wäre ein vergleichbarer Kompilationsfilm — wenn überhaupt — nur mit deutlich größerem Aufwand realisierbar gewesen.

Ein Blick zurück zeigt aber, dass es zwar auch schon viel früher ähnliche Filmkonzepte und Ideen gab: 1980 etwa stellte Robert von Ackeren mit »Deutschland privat« aus privaten Super-8-Filmen eine »Anthologie des Volksfilms« zusammen. Wenngleich die Auswahl und Herkunft der Amateurfilme damals für Diskussionen sorgten, gehörten ähnlicher Wagemut und Energie dazu, so ein Projekt anzugehen. Das Ergebnis war aber zwangsläufig ein ganz anderes, als wenn man heute eine solche Idee umsetzt.

Mammutprojekte gab es immer und manche davon wurden eben erst durch intelligente Nutzung moderner Technik sinnvoll umsetzbar: »24h Berlin« aus dem Jahr 2008 ist so ein Beispiel (Artikel dazu). Damals waren HD und die bandlose Aufzeichnung für viele der insgesamt 80 Teams, die einen Tag lang das Material für ein 24h-Porträt der deutschen Hauptstadt und ihrer Bewohner drehten, noch Neuland. Auch der Umgang mit den enormen Materialmengen in der Postproduction war ein Experimentierfeld. Dennoch profitierten die Macher letztlich davon, sich auf den technischen Fortschritt einzulassen.

2010 griff schließlich Youtube die Kompilations-Idee auf und rief Nutzer weltweit auf, für »Life in a Day« einen Tag aus ihrem Leben zu dokumentieren. Schon damals stellten User aus 197 Ländern rund 80.000 Clips zur Verfügung — nur möglich, weil die Aufzeichnungstechnik dafür auch in entlegensten Regionen zur Verfügung stand und mit Youtube eine leistungsfähige Online-Videoplattform.

Technischer Fortschritt kann Filmprojekte also durchaus beflügeln und teilweise überhaupt erst möglich machen. Ob das, was dabei herauskommt, dann tatsächlich sehenswert ist, hängt natürlich von viel mehr Faktoren ab, als von der Technik dahinter. Und das ist auf eine gewisse Art auch beruhigend.

 

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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