Interview, Top-Story, Unternehmen, VFX: 05.09.2017

VFX aus deutschen Landen: Zehn Jahre Rise

Heute realisiert das deutsche Unternehmen Rise die visuellen Effekte für amerikanische Blockbuster, verleiht etwa einigen der Marvel-Helden ihre Superkräfte. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg das Unternehmen vom Viermannbetrieb zum Global Player auf. Florian Gellinger von Rise über diese Entwicklung, aktuelle Projekte, die Filmförderung und den VFX-Markt in Deutschland.





Florian Gellinger, Mitgründer von Rise
Florian Gellinger von Rise sprach mit film-tv-video.de.

Wie kriegt ein junges Berliner Unternehmen bei US-Studios den Fuß in die Tür?

Das war eine Kettenreaktion, die in unserem zweiten Jahr in Gang kam. Parallel zu »Ninja Assassin« hatten wir für Matthias Glasners »This is Love« zwei Sequenzen, die von der technischen Herangehensweise damals sehr gewagt waren: Wir haben eine Fahrt auf der Leipziger Straße in die Zeit direkt nach dem Mauerfall zurückversetzt. Für einen Autounfall haben wir den Hintergrund mit mehreren Kameras als überlappendes Panorama gedreht und ein reales Auto in den Lkw knallen lassen. Dann haben wir die komplette Kreuzung digital nachgebaut und den Innenraum des Autos mit dem Hauptdarsteller gedreht, damit wir nach dem Unfall sein Gesicht in der Umgebung zeigen können, was mit dem Stuntmen natürlich nicht geht.

Das durften wir auf einem Youtube-Kanal des Software-Herstellers präsentieren, mit dessen Produkten wir das hautsächlich realisiert hatten. Das hat Kreise gezogen, wir bekamen ein VFX-Boutique-Image – dass wir spezialisierte Aufgaben auf sehr hohem Niveau erfüllen können. Unsere Kunden haben uns vertraut, dass wir mit überschaubarem Risiko schwierige Einstellungen gestalten und dabei auch etwas Neues ausprobieren können. Für den Kunden muss ja klar sein: Wenn etwas schief geht, muss das innerhalb des Zeitplans auffangbar sein.

Rise, Captain-America-Film
2011 kam Besuch aus Amerika zu Rise nach Berlin: Der erste Teil von »Captain America« wurde teilweise bei Rise hergestellt.

Die Verbindung in die USA hat natürlich auch mit Studio Babelsberg zu tun. Dort hat man versucht, möglichst viel von der Nachbearbeitung in Deutschland zu behalten, so waren wir bei »Ninja Assassin« beteiligt. Dann kam »Captain America«, die erste Produktion, die Marvel selbst gemacht hat. Den ersten Auftrag dafür haben wir nach einem Test bekommen: Wir haben es in einem straffen Zeitplan geschafft, Todesstrahlen zu simulieren und die Getroffenen verpuffen zu lassen. Das durften wir dann in diversen Einstellungen realisieren. Damit waren wir bei Marvel »drin«.

Das war dann eine Art Ritterschlag und Gütesiegel. Das spricht sich bei den Effekt-Verantwortlichen der Studios herum. Die VFX-Branche ist ja weltweit relativ klein. An den großen Hollywood-Filmen arbeitet ein Kern von etwa 100 Visual-Effects-Supervisoren. Inzwischen kennen uns wahrscheinlich um die 50 bis 60 von denen. Und dann bekommt man eben nach und nach auch »Harry Potter« ins Haus, »The Fate of the Furious«, »The Dark Tower«. Wir arbeiten mittlerweile für alle Hollywood-Studios gleichermaßen.


Trailer zu »Der dunkle Turm«.
Captain America Film
Ein Film aus dem »Captain America«-Franchise hat knapp 3.000 Effekteinstellungen.

Gibt es Unterschiede im Herangehen der deutschen und der US-Produzenten an VFX?

Wie der Dreh organisiert sein muss und wie man den Prozess während der Post gestaltet, da haben die Amerikaner sehr genaue Vorstellungen und etablierte Abläufe. Weil in Deutschland nicht in dem Umfang mit Effekten gearbeitet wird, existiert diese Infrastruktur hier überhaupt nicht. Ein »Avengers«-Film oder »Captain America« hat knapp 3.000 Effekteinstellungen – im Grunde enthält jede Szene VFX: Egal ob es eine Retusche ist, ob eine Grafik in ein Handy-Display eingesetzt wird oder Superhelden komplett animiert werden.

Wenn 20 Dienstleister an so einer Produktion mitwirken und jeden Tag ein Feedback für 300, 400 Quicktimes erwarten, braucht das Studio dafür eine automatisierte Infrastruktur — und Personen, die sich um eine Vorauswahl kümmern und die Meinung des Regisseurs einholen. Soweit sind wir in Deutschland noch nicht.

Rise, Babylon Berlin, Szenenbild
Als Rise den Dreh von »Babylon Berlin« betreute, hatte das Unternehmen allein in Berlin an die 150 Leute im Einsatz.

Sven Pannicke meinte mal, es sei ihm unangenehm, beim Gang durch die Firma Leute zu treffen, die er nicht persönlich kennt …

Das könnte mittlerweile schonmal vorkommen. In Spitzenzeiten, als wir parallel an »Renegades« — aka »The Lake« — »Captain America 3: Civil War« und »Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper« — aka »Richard der Storch« — parallel gearbeitet haben und gleichzeitig den Dreh von »Babylon Berlin« betreuten, hatten wir allein hier in Berlin an die 150 Leute im Einsatz.

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Seite 4: Interview — Ausbildung, Animation
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