Branche: 12.02.2013

Filmrestaurierung mit Stereo-3D-Tools: CinePostproduction poliert »Glückskinder« auf

In der diesjährigen Berlinale-Retrospektive mit dem Titel »The Weimar Touch« wird auch die deutsche Screwball-Comedy »Glückskinder« aus dem Jahr 1936 gezeigt. An der Restaurierung und Rekonstruktion des Films wirkte die CineMedia-Tochter CinePostproduction mit und setzte dabei unter anderem Werkzeuge ein, die aus der Stereo-3D-Postproduction stammen.

Der Filmtitel »Glückskinder« sagt spontan vermutlich nur noch einer kleinen Gruppe von Cineasten und Filmhistorikern etwas, beim breiten Publikum ist der schwarzweiße UFA-Klassiker hingegen heute eher nicht mehr präsent. Eines der Lieder aus dieser deutschen Komödie aus dem Jahr 1936 kennt dagegen wirklich fast jeder: »Ich wollt’ ich wär ein Huhn«. Der Schlager, unter anderem gesungen von Lilian Harvey und Willy Fritsch, einem der Leinwandtraumpaare jener Zeit, war schon im Premierenjahr des Films ein Gassenhauer.

»Ich wollt’ ich wär ein Huhn« ist der Hit aus dem Film »Glückskinder«, den man auch heute noch kennt (Text: Hans Fritz Beckmann, Musik: Peter Kreuder).

»Glückskinder« ist eine Screwball-Comedy, also eine rasant inszenierte Beziehungskomödie, gespickt mit lustigen Dialogen, Slapstick-, Tanz- und Gesangseinlagen. Der Film von Regisseur Paul Martin ist dabei ein Glücksfall für die deutsche Filmgeschichte: Obwohl zur Nazizeit entstanden, ist »Glückskinder« doch erstaunlich kess und glänzt auch durch seine frechen, schnellen Dialoge (Curt Goetz) und durch seine Lieder (Texte: Curt Goetz, Hans Fritz Beckmann; Musik: Peter Kreuder).

Der Film wird nun im Rahmen der Berlinale-Retrospektive »The Weimar Touch« wiederaufgeführt, die deutsche und internationale Filme versammelt, die von der Weimarer Filmkultur geprägt wurden. Der Weg bis hin zu einer werktreuen Rekonstruktion, die nun wieder zur Verfügung steht, war aufwändig und steinig, weil das mehr als 70 Jahre alte Filmmaterial die Zeit weit weniger gut überstanden hat, als der heute noch präsente Hit aus dem Film.

Suche nach Material

Die Materialsuche und filmhistorische Recherche erfolgte durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, bei der Anke Wilkening für die Restaurierung verantwortlich zeichnet. 

Die Recherche ergab folgende Ausgangslage: Der Film wurde bei seiner Entstehung im Frühjahr 1936 überwiegend im Seitenverhältnis 1:1,19 in Schwarzweiß aufgenommen, einige Sequenzen im Academy-Seitenverhältnis von 1:1,37. Als Tonmaterial wurde eine 13-spurige Vielzacke von Siemens-Halske erstellt. Das Kameranegativ wurde jedoch schon in den 1970ern aufgrund von chemischer Zersetzung vernichtet.

Letztlich erbrachte die Recherche der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung drei Ausgangselemente für die Rekonstruktion: Eine Nitrokopie unbekannten Herstellungsdatums kam von der Deutschen Kinemathek in Berlin. Diese stammt direkt vom Originalnegativ und diente als Hauptmaterialquelle der Restaurierung, sie wies allerdings Fehlstellen und Defekte auf.

Zudem lag bei der Deutschen Kinemathek ein Safety-Dup-Negativ des Films vor, das von der Nitro-Kopie abstammt. Dieses wies zwar den unvermeidlichen Kopierverlust auf, war aber an etlichen Stellen weit weniger verschrammt als der Nitrofilm.

Dritte Materialquelle war eine Sicherungskopie des Bundesarchiv-Filmarchiv mit Sitz in Berlin, deren Qualität allerdings durch doppelten Bildstrich und Schärfeverlust deutlich eingeschränkt war.

Unter diesen Voraussetzungen machte sich also das Postproduction-Haus CinePostproduction im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung daran, »Glückskinder« zu restaurieren und zu rekonstruieren. Um fehlende Sequenzen aus den drei gänzlich unterschiedlichen Ausgangsmaterialien wiederherzustellen, entwickelte das Team dabei ein Verfahren, bei dem erstmals neueste Stereo-3D-Techniken in der Restaurierung zum Einsatz kamen.

Hauptmaterialquelle Nitrofilm

Als Hauptmaterialquelle nutzte die CinePostproduction die Nitrokopie der Deutschen Kinemathek in Berlin. Diese Kopie war offenbar in früheren Zeiten schon als Vorführkopie in Gebrauch und wies unter anderem an 70 Stellen durch Abnutzung entstandene Lücken von bis zu 5 Sekunden Länge auf. Schmutz, Schrammen, Schaltzeichen, Ufa-Stempel, Klebestellenrucker und Verzerrungen beeinträchtigten die Qualität des Films.

Um die Lücken zu schließen und das fehlenden Material zu einer werktreuen, restaurierten Fassung zu ergänzen, wurde zunächst die Sicherungskopie aus dem Besitz des Bundesarchiv-Filmarchiv mit Sitz in Berlin herangezogen. Weil aber deren Qualität durch doppelten Bildstrich und Schärfeverlust ebenfalls deutlich eingeschränkt war, fiel die Entscheidung, nicht ganze Szenen zu ersetzen, sondern jeweils nur die fehlenden Einzelbilder einzufügen.

Aus der dritten Materialquelle, dem Safety-Dup-Negativ der Deutschen Kinemathek wurden schließlich einzelne Passagen als Ersatz für etwa vierzig stark verschrammte Szenen der beiden anderen Quellen verwendet.

Eine Herausforderung bestand dabei darin, dass die Materialien sich in Gradation, Bildstand und Geometrie deutlich unterschieden. Beim einfachen Einblenden der fehlenden Bilder waren Doppelränder, Helligkeitsflackern und geometrische Verzerrungen sichtbar geworden. Um solche Probleme zu vermeiden, verarbeitete CinePostproduction die Rollen in einem erstmals eingesetzten Prozess.

Rekonstruktion aus dem Quellmaterial: Mit Stereo-3D-Tools angeglichen

Zunächst wurde das Material  mit beidseitigem Overscan bis zu den Perforationslöchern bei einer bildinhaltlichen Auflösung von 2K digitalisiert. Aller weiteren Bearbeitungsschritte erfolgten dann mit dem digitalisierten Material.

Erster Schritt der Bildrestaurierung bei CinePostproduction war die Ergänzung der Fehlstellen. Aus den schon erwähnten qualitativen Gründen wurden dabei keine kompletten Szenen durch das entsprechende Material aus der Sicherungskopie ersetzt. Stattdessen wurden die Lücken der Nitrokopie an 67 Stellen mit Einzelbildern aus der Sicherungskopie aufgefüllt. Dabei wurden die beiden Materialien jeweils an den Schnittstellen überblendet.

Das Quellmaterial wurde dazu wie die beiden Teile einer Stereo-3D-Aufnahme verarbeitet, die zur Überlagerung gebracht werden. Mit Hilfe von eigenentwickelten Algorithmen wurde zunächst die Geometrie vertikal angeglichen, das Bild um 90 Grad gedreht, erneut vertikal angeglichen und dann zurücktransformiert. Dieses neuartige Verfahren wurde für die Restaurierung von »Glückskinder« aus der 3D-Pipeline der CinePostproduction entliehen.

In gleicher Weise wurden auch einzelne Passagen aus dem Safety-Dup-Negativ erfolgreich in das neue Master eingesetzt. Dieses diente als Ersatz für zahlreiche stark verschrammte Szenen, der beiden anderen Ausgangsmaterialien.

Um das solchermaßen in zwei Schritten ergänzte Material sauber und störungsfrei in das Master einzufügen, wurde jeweils am Beginn und Ende der Einfügestellen eine zehn Bilder lange Überblendung realisiert.

Damit war der Film von der Länge und Szenenfolge werktreu rekonstruiert und es konnte nun weiter in die Tiefe gegangen und mit der  eigentlichen Bildrestaurierung begonnen werden.

Die eigentliche Bildestaurierung

Bei CinePostproduction wird für die Filmrestaurierung das vom Unternehmen selbst entwickelte Tool ReFine eingesetzt. Ein fein auf das Material abgestimmter »Dirt Removal«-Filter stellt dabei den ersten Schritt dar. Speziell für die Restaurierung von »Glückskinder« wurde in der ReFine-Pipeline eine Angleichung der extrem dunklen Schaltfelder entwickelt, die am Anfang jeder der insgesamt etwa 480 Szenen auftreten. Die Angleichung erfolgte bis auf wenige technische Ausnahmen, ohne dass neue Bildinhalte erzeugt wurden.

Jeder Akt wurde auf eventuelle Artefakte überprüft und dann an die manuelle Retusche weitergeleitet. Hierbei wurden sorgfältig auffällige Flecken, Risse, Schaltzeichen und sogar Stempel an den stark belasteten Rollenenden entfernt. Die Digital Artists der CinePostproduction haben sich besonders schwieriger Fälle angenommen, um Bildinhalte wiederherzustellen.

Im »Grain-Management«-Prozess wurde dann das Korn für die digitale Bildbearbeitung reduziert, da die verschiedenen Bearbeitungsschritte den Charakter des Korns verändern können. Ein von einem Sample der Nitrokopie erzeugtes Korn wurde dann am Ende wieder über den restaurierten Film gelegt. Somit konnte auch hier ein einheitlicher Look und eine Angleichung der verschiedenen Ausgangsmaterialien erzielt werden.

Tonrestaurierung

Für die Tonrestaurierung wurden die gleichen Quellmaterialien verwendet, wie für das Bild. Der Soundeditor stellte zunächst die Synchronität zum Bild her. Das war nötig, weil an einigen Klebestellen der Toninhalt fehlte. Dieser war dann jeweils aus anderem Material wieder ergänzt.

Dann wurde das Signal wurde auf Knacker und Aussetzer untersucht. An der ProTools-Audioworkstation wurden diese entfernt und mit verschiedenen Methoden überdeckt. Stark gestörte Atmos ohne inhaltliche Relevanz konnten von anderen Stellen übernommen werden. Mit Filtern und speziellen Plug-Ins ließ sich der obertonreiche Brumm, der sich sehr variabel verhielt, gut in den Griff bekommen. Im Studio wurden schließlich die Materialien verschiedenen Ursprungs aneinander angepasst und das Rauschen so vermindert, dass die Dialog noch nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Schließlich sollte ja auch der Ton nicht seine Authentizität verlieren, und daher nicht zu clean wirken: Kino aus dieser Zeit war eben nicht rauschfrei — Ray Dolby wurde schließlich erst 1933 geboren.

Uraufführung der restaurierten Rekonstruktion

Die Uraufführung der restaurierten Fassung von »Glückskinder« findet im Rahmen der Berlinale-Retrospektive am 13. Februar 2013 um 20:30 Uhr im CinemaxX statt.

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Autor
red

Bildrechte
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Deutsche Kinemathek Berlin – Museum für Film und Fernsehen, Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin, Berlinale (Plakat)

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