Branche, Broadcast, Top-Story: 06.11.2013

Annova: OpenMedia und Crossmedialität

Die Arbeitswelt von Journalisten hat sich innerhalb der vergangenen Jahre drastisch verändert. Es gibt auf der einen Seite immer mehr Informationsquellen und es müssen auf der anderen Seite unterschiedliche Distributionskanäle innerhalb immer kürzerer Zeit bedient werden. Das zu bewältigen, erfordert neue Werkzeuge, mit denen Journalisten effizient arbeiten können. Diese Anforderung der Anwender birgt wiederum Herausforderungen für die Entwickler von Redaktionssystemen. Das wissen Michael Schüller, Geschäftsführer von Annova Systems, und der Annova-Entwicklungschef Dr. Edgar Müller am besten. film-tv-video.de hat mit diesen Experten über aktuelle Trends und Tendenzen im Bereich Crossmedialität gesprochen.

Crossmedialität ist eines der aktuellen Buzzwords der Broadcast-Welt und viele Sender versuchen derzeit, ihre Workflows für crossmediales Arbeiten anzupassen. Dabei geht es — ganz allgemein gesprochen — darum, dass die Bereiche Fernsehen, Radio und Online enger zusammenwachsen, Inhalte teilen und gemeinsam nutzen. Wie das aber im Einzelnen ausgeprägt ist, kann sich sehr stark unterscheiden.

Eine zentrale Rolle, um das Zusammenwachsen und das übergreifende Arbeiten zu ermöglichen, die Inhalte zu organisieren und zu verwalten, spielen Redaktionssysteme. Das sind Softwares, die neben Datenbankfunktionalitäten auch Werkzeuge enthalten, um effizient zu recherchieren und Beiträge für unterschiedlichste Plattformen produzieren zu können. So eine Software-Plattform ist OpenMedia von Annova Systems.

Michael Schüller, Geschäftsführer von Annova Systems, sieht als Basis effizient funktionierender Crossmedialität letztlich drei grundlegende Säulen: Eine Planung, die übergreifend arbeitet und die alle Elemente einer Story beinhaltet. Recherche-Möglichkeiten, die das Suchen über ganz unterschiedliche Medien erlauben muss. Eine Produktion, die unterschiedliche Ausspielkanäle berücksichtigt.

Als praktisches, aber auch extremes Beispiel, wie Crossmedialität in der Produktion heutzutage aussehen kann, nennt Schüller den Berliner Sender Joiz, einen Jugendsender, der Online und TV so kombiniert, dass man den Sender auch als Facebook-Fernsehen umschreiben könnte. Schüller glaubt, dass Joiz heute schon viel von dem umgesetzt hat, was man künftig unter Crossmedialität verstehen wird: die Integration von Social Media sowie die parallele Produktion und Distribution für unterschiedlichste Kanäle.

Er ist sich sicher, dass umfassende Crossmedialität letztlich den Weg in die Zukunft weist, betont aber auch, dass man bei allen Diskussionen darüber stets berücksichtigen muss, was der jeweilige Sender denn überhaupt unter dem Buzzword versteht: »Arbeitet ein Sender multimedial, trimedial oder crossmedial? Letztlich muss man zunächst mal ganz genau klären, was denn auf der Kundenseite mit Crossmedialität gemeint ist. Für uns bedeutet Crossmedialität immer, dass wir mit unseren Produkten die Arbeits- und Ausspielmöglichkeiten schaffen, mit denen der jeweilige Kunde alle Kanäle, die er beschicken will, gleichmäßig und gleichzeitig bedienen kann.«

»Letztlich darf man angesichts all der neuen Entwicklungen aber keineswegs folgern, dass alles, was bisher galt und umgesetzt wurde, nun seinen Wert verlöre«, so Schüller. Stattdessen müsse man sehr genau abwägen, was man mit der jeweils angestrebten Form und Stufe von Crossmedialität beim jeweiligen Sender erreichen könne und was man dafür ändern müsse.
Hierin sieht Schüller einen zentralen Aspekt der Arbeit auf der Hersteller- und Anbieterseite: »Man muss ganz genau verstehen, wie weit ein Kunde auf diesem Weg ist und was für ihn in seiner aktuellen Situationen am besten ist.« Vor allem aber müsse man den Journalisten und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Überlegungen stellen.

Das klingt einfacher als es ist, denn es gibt nun mal nicht den einen Journalisten, an dem man sich orientieren kann, sondern viele Journalisten mit ganz unterschiedlichen Arbeitsweisen, Wünschen und Bedürfnissen. Hinzu kommt, dass auch die diversen Abteilungen und Redaktionen der Sender mitunter ganz unterschiedlich ticken.

Besonders in der Produktion etwa erschweren gewohnte und etablierte Planungsabläufe eine bessere und übergreifende  Zusammenarbeit unterschiedlicher Abteilungen, so Dr. Edgar Müller, Entwicklungschef bei Annova Systems: »Bei der Recherche erkennen die Journalisten aber schnell die Vorteile, die sich ihnen eröffnen, wenn sie auf einen großen Pool an Informationen zugreifen und von den Recherchen anderer Redaktionen profitieren können.«

OpenMedia greift diesen Aspekt auf und bietet innerhalb der Software Übersichten, die sehr gut verdeutlichen, was zu einem Thema schon in welcher Sendung ausgestrahlt und von welcher Redaktion bearbeitet wurde. »Wenn diese Informationen zentral zusammenfließen, können die Journalisten davon stark profitieren. Das war früher nicht so, da gab es für Hörfunk und Fernsehen unterschiedliche Systeme. Der Redakteur konnte also nicht davon profitieren, dass ein anderer Mitarbeiter des Senders zu einem Thema schon etliches recherchiert hatte«, erklärt Dr. Müller.
Michael Schüller ergänzt: »Wir sind als Hersteller gefordert, dem Journalisten die Werkzeuge zu liefern, die ihm helfen, den Informationsfluss zu bewältigen. Es reicht nicht aus, immer nur neue Features zu programmieren. Wir müssen auch zeigen, wie ein sinnvoller Workflow aussehen kann, der all die unterschiedlichen Quellen und Kanäle bewältigt«.

Für viele Redaktionen ist das ein großes Thema, denn angesichts von Social Media steigt der Druck, immer schneller und aktueller zu produzieren. Gleichzeitig steht für die etablierten Medien aber stets ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Eine »Tagesschau« etwa kann es sich kaum leisten, vorschnell eine Falschmeldung zu verbreiten, die auf den Infos von irgendwelchen ungeprüften Tweets basiert. Gleichzeitig muss die Sendung aber höchst aktuell sein. Und für diesen eigentlich elementaren Widerspruch muss ein Redaktionssystem Lösungen oder zumindest Hilfen bieten.

Ein weiterer Aspekt: Gerade bei den großen und etablierten Sendern ist es natürlich aus diversen Gründen nicht einfach, bestehende Abläufe zu verändern: Schließlich ändern sich damit nicht nur etablierte Arbeitsweisen, sondern auch Zuständigkeiten. Angesichts solcher Hürden nähern sich größere Sender einer trimedialen oder crossmedialen Arbeitsweise daher in der Regel schrittweise an, indem sie zunächst kleinere Testprojekte aufsetzen. »Dabei machen die meisten Sender unabhängig von ihrer Größe oft ganz ähnliche Erfahrungen«, so Michael Schüller: »Die Zuständigkeiten sind bei den neuen Abläufen nicht mehr klar und es taucht beispielsweise immer wieder die Frage auf, welcher Kanal denn eine Nachricht nun zuerst verwenden darf.«

Aus Schüllers Sicht gilt es, solche Fragen offensiv anzugehen und zu lösen: »Die „Generation Facebook“ ist da — und zwar heute und nicht erst in drei Jahren«, sagt Schüller. »Wenn man diese Generation bedienen und erreichen will, muss man den nächsten Schritt wagen.«

Letztlich, so führt Schüller weiter aus, befänden wir uns derzeit in einer ähnlichen Phase wie vor einigen Jahren: »Plötzlich war alles online verfügbar und kaum einer konnte sich vorstellen, wie man das Internet in die gewohnten Abläufe und Schemata integrieren sollte. Wenn man jetzt auf die Fernsehsender blickt, sind die wesentlichen Fragen gelöst und für die Redaktionen ist das Internet sowohl als Quelle, wie als Senke Teil des Alltags.«

Eine weitere Herausforderung im Bereich Crossmedialität besteht darin, dass es an beiden Enden des Prozesses permanente Veränderungen und Anpassungen gibt und auch geben muss: Bei der Schaffung der Inhalte verändern sich Wünsche und Technik, aber auch auf der Empfängerseite ist vieles in Bewegung.

Aktuell stehen bei den Redaktionen etwa Fragen im Raum, wie Social Media am besten integriert werden kann und welche Möglichkeiten es zur Interaktion mit dem Zuschauer gibt. Auf der anderen Seite gibt es aktuell noch etliche Medienbrüche, etwa dann, wenn ein Sender bestimmte Inhalte nur im TV, nicht aber im Web publizieren darf, weil er dafür keine Rechte hat. Oder wenn fürs Abspielen bestimmter Inhalte ein spezieller Player notwendig ist — um nur einige Beispiele zu nennen.

Den Sendern ist diese Problematik wohlbekannt und viele arbeiten auch an einer Homogenisierung, wenngleich es wohl noch einige Zeit dauern dürfte, bis der Zuschauer eine einheitliche Mediennutzung über alle Kanäle hinweg genießen kann. Michael Schüllers vorläufige Analyse: »Wir sind nun mal ganz am Anfang dieser Entwicklung und es wird sich sicher noch einiges tun. Derzeit wird die Technologie für solche Applikationen auch noch vergleichsweise wenig genutzt: Sei es wegen einer gesunden Skepsis, sei es wegen unterschiedlichster Regularien.«

Innerhalb der ARD, wo Annova mit dem Redaktionssystem OpenMedia in vielen Redaktionen vertreten ist, sind die einzelnen Anstalten auf dem Weg zu crossmedialen Arbeitsweisen schon unterschiedlich weit vorangeschritten. Ein Sender wie der SWR hat beispielsweise schon viele Hürden genommen und am Standort Stuttgart eine zukunftsweisendes Produktionsumfeld geschaffen. Andere Sender sind noch nicht soweit. Damit sich trotzdem alle ARD-Anstalten in der Weiterentwicklung des OpenMedia-Redaktionssystems wiederfinden, hat die ARD mit der OMKO (Open Media Koordinations Offensive) eine Arbeitsgruppe geschaffen, die zentral für alle Anstalten aktuelle Fragen zu OpenMedia klärt und die Anforderungen an den Funktionsumfang des Redaktionssystems diskutiert. »Das ist für uns als Hersteller eine große Erleichterung, und die ARD macht das mittlerweile auch bei anderen Anbietern so, die zentrale Produkte und Systeme für die ARD liefern«, erklärt Michael Schüller.

Im Augenblick sind die Sender noch damit beschäftigt, für ihre Redaktionen Möglichkeiten zu schaffen, um möglichst effizient recherchieren zu können und die Zusammenarbeit der Teams zu optimieren. »Das bedeutet nicht, dass in der crossmedialen Welt jeder Redakteur alles machen muss und soll, sondern dass vielmehr der jeweilige Spezialist eines Teams redaktionsübergreifend arbeitet, also nicht nur für die eigene Redaktion, sondern auch für andere«, fasst Michael Schüller zusammen.

Edgar Müller führt noch einen weiteren Aspekt an, wenn er erläutert, dass es für Redaktionen immer wichtiger werde, in einer crossmedialen Welt Informationen in ihrer Tiefe zu staffeln. Er verdeutlicht das mit einem Beispiel: »Während man sich früher eine Nachrichtensendung am Stück, also linear ansah, greifen viele der jüngeren Zuschauer heute bei den Themen einer Nachrichtensendung, die sie interessieren, zum Handy, um dort über eine App oder via Browser zusätzliche Infos abzurufen. Das ist neu — und ein zeitgemäßes Redaktionssystem muss heutzutage in der Lage sein, diesen Wechsel auf der Nutzerseite aufzugreifen und zu bedienen. Dazu muss es in der Lage sein, möglichst viele Informationen verwalten, leicht und schnell zusammenstellen und publizieren zu können – und das für unterschiedlichste Nutzer und Kanäle.«

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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