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Verfolgungswahn

Dass Begriffe einen fast vollständigen Bedeutungswandel durchlaufen können, das weiß jeder, der mit Jugend- oder Szenesprache konfrontiert ist : »geil«, »krass« und »amtlich« sind Beispiele dafür, aber auch »gay« und »cool«. Erschwerend kommt hinzu, dass man in letzterem Fall vielleicht berücksichtigen sollte, dass das neue »cool« nun angeblich »swag« heißt — so lautet jedenfalls laut Langenscheidt-Verlag das ziemlich bedeutungsgleiche »Jugendwort 2011«.

Manchmal werden aber auch altbekannte Begriffe durch veränderte Umstände mit einer Doppeldeutigkeit aufgeladen, die man bisher nicht wahrgenommen hatte. »Verfolgungswahn« etwa, beschreibt eigentlich eine psychische Störung, bei der sich der Betroffene verfolgt und beobachtet fühlt. Dieses unangenehme Gefühl kann einen aber heute auch ganz leicht beschleichen, wenn einem beim Surfen im Internet immer genau die Themen als Werbung angezeigt werden, nach denen man in den Tagen davor mal gesucht hatte.

Und dahinter steht so etwas wie eine neue Art von »Verfolgungswahn« auf der Anbieterseite des Internets: das Tracking. Fast wahnhaft werden da Daten gesammelt, Bewegungspfade aufgezeichnet und Nutzerwanderungen nachverfolgt. Der Nutzer wird bei all seinen Aktivitäten getrackt, um ihm jederzeit zielgruppengenau die passenden Dinge anbieten zu können.

Aber welchen Sinn ergibt es, wenn einem nach erfolgter Online-Buchung einer Reise ständig auch noch andere Reisen angeboten werden? Was fängt man mit der Information von Amazon an, dass die DVD, die man schon vor drei Jahren gekauft hat, nun um drei Euro billiger zu haben wäre? Und wer braucht, nachdem er sich online eine Regenhose gekauft hat, in den folgenden Wochen ständig weitere Regenhosen?

Was ein menschlicher Verkäufer weiß, das können die digitalen Verkäufer eben (noch) nicht: Wirklich vernünftige Angebote machen. Aber vielleicht geht das ja irgendwann? Und bis dahin sammeln Facebook, Google und alle möglichen Ad-Netzwerke einfach schon mal Daten bis zum Abwinken und tracken, was das Zeug hält.

Aber wollen wir als Internet-Nutzer überhaupt, dass wir nur das sehen, von dem jemand anders — und das kann im Zweifel auch ein Stück Software sein — festlegt, dass wir es sehen sollen? Immerhin bleibt uns als Internet-Nutzern vorerst noch die Wahl: Aushalten, oder regelmäßig alle unbekannten Cookies löschen.

Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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