Branche: 07.07.2001

Filmfest München: HD-Produktion in der Diskussion

Die Schwerpunkte des Filmfests München liegen klar in anderen Bereichen, aber es wurde im Rahmen dieses Festivals auch über Produktionsweisen und Technik diskutiert. Fokus hierbei: die HD-Videoproduktion mit 1080 Zeilen und 24 Vollbildern pro Sekunde.

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Das Podium stand bei der Sony-Veranstaltung Rede und Antwort zu den gezeigten HD-Produktionen und allgemeinen Fragen.

Das Filmfest München ist, zumindest von außen betrachtet, ein Filmfestival wie viele andere: Es hat eine Funktion für die regionale, in diesem Fall also bayerische Filmwirtschaft, man zeigt und trifft sich. Dabei sieht man sich Filme aus heimischer und internationaler Produktion an und diskutiert über deren inhaltliche und gestalterische Qualitäten und Defizite. Ein paar, meist ausländische Stars sollen für Glanz und Glamour sorgen. Diesen Gästen und einigen Filmschaffenden verleiht man dann noch den einen oder anderen Preis.

Lauter Themen also, mit denen sich www.film-tv-video.de üblicherweise nicht beschäftigt. Aber am Rand des üblichen Festival-Ballyhoo finden beim Filmfest München auch Veranstaltungen statt, bei denen es um die Produktion geht, um Technik und deren Anwendung. Zwei davon drehten sich um das Thema HD-Produktion. Bei beiden Veranstaltungen bot sich phasenweise das gleiche Bild: Gereizte, emotionale Publikums-Kommentare, die sich für die traditionelle Filmproduktion stark machten, wurden vom Podium aus mit Versicherungen bedacht, dass HD Vor- und Nachteile habe und mit der HD-Videoproduktion in 1080/24P eben einfach nur ein weiteres Tool für die Produktion zur Verfügung stehe.

Beide Reaktionen zeigen letztlich, dass mit 1080/24P eine Schwelle überschritten ist: Erstmals dringt die Videotechnik, zumindest in bestimmten Bereichen, in eine Domäne vor, die bislang praktisch ausschließlich der Filmtechnik vorbehalten war. Das wird teilweise als Bedrohung empfunden. Nun geht es natürlich auf der Anbieterseite der neuen Technik darum, Ängste und Vorbehalte abzubauen, um ins Geschäft zu kommen und wirklich neue Applikationsbereiche für die HD-Videoproduktion zu erschließen: Es ist Schmusekurs angesagt, es werden fast krampfhaft Reizworte vermieden, man will eine offene Atmosphäre schaffen.

Das gelang dann auch über weite Strecken in den Veranstaltungen, die Avid und die Media! AG am Dienstag, sowie Sony und die Veranstaltungspartner Ludwig Kameraverleih, TaurusMediaTechnik und Videocation am Mittwoch der Filmfest-Woche 2001 zum Thema HD durchführten. Weil es mittlerweile schon etliche Produktionen in 1080/24P gibt, die über den Test- und Pilot-Charakter weit hinausgehen, gab es auch Etliches zu zeigen und es kamen die Macher zu Wort, die über ihre praktischen Erfahrungen berichteten.

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Stefan Jonas und Gerd Baier.

So präsentierte Gerd Baier bei der gemeinsamen Veranstaltung von Media! AG und Avid eine vergleichende Kalkulation eines realen Fernsehfilm-Projekts und zeigte dabei auf, dass die Produktion in 1080/24P derzeit etwas teurer ist (im Beispiel 3,54 Mio Mark) als die 16-mm-Produktion (3,5 Mio Mark). Gleichzeitig verwies Baier aber auf die zu erwartende Preisentwicklung bei HD-Equipment und verschiedene Vorteile der HD-Produktion, die er unter anderem in veränderten Produktionsmöglichkeiten am Set, aber auch in der Verwertung, Vermarktung und Archivierung eines 1080/24P-Masters sieht. Stefan Jonas kam als Produzent des in 1080/24P produzierten Spielfilms »Rave Macbeth« zu Wort. Er sieht 1080/24P einfach als weiteres Medium für die Produktion, das einen eigenen Look hat und themenspezifisch eingesetzt, bestimmte Vorteile bietet. (Mehr dazu im Interview mit Stefan Jonas.)

Bei der Sony-Veranstaltung gab es Projektionen von etlichen technisch eindrucksvollen, aber auch von weniger überzeugenden HD-Produktionen zu sehen, wodurch ein ganzes Spektrum von Looks und Bildqualitäten klar wurde, die mit 1080 zu erreichen sind. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion gab es dann zusätzliche Informationen zu den einzelnen Produktionen und es wurden weitere, bei ähnlichen Veranstaltungen bislang seltener diskutierte Aspekte der digitalen HD-Produktion beleuchtet.

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Brigitte Dithard, Redakteurin aus der Hauptabteilung Film, Serie und Musik des SWR.

So gab es Ausschnitte aus dem aktuell vom SWR produzierten Tatort zu sehen und Brigitte Dithard, Redakteurin aus der Hauptabteilung Film, Serie und Musik des Senders, gab einen Abriss der Entscheidungswege und der Besonderheiten bei der Produktion des HD-Tatorts: »Wir haben uns die Entscheidung für HD nicht leicht gemacht und vorher intensiv getestet. So wurden bei der vorangegangenen Tatort-Produktion einige Szenen parallel in Super-16 und HD gedreht. Als wir dieses Material beim Betrachten nicht voneinander unterscheiden konnten, war die Entscheidung ziemlich klar. Finanzielle Aspekte waren dabei nicht ausschlaggebend.«

Martin Kreitl von TaurusMediaTechnik, wo unter anderem auch Teile der »Tatort«-Postproduktion abgewickelt wurden, wies darauf hin, dass beim Arbeiten mit HD besonders in der Postproduktion großes Potenzial liege, schneller und effektiver zu arbeiten: »Die Farbkorrektur ist nach wie vor notwendig, aber sie ist beim Arbeiten mit HD in der Regel wesentlich einfacher und schneller, es bleibt sogar mehr Zeit für Arbeit am Detail.«

Regisseur Christoph Redl, der bei H5B5 die Fernsehversion von »OceanMen« realisierte, war begeistert von den Freiheiten, die HD aus seiner Sicht dem Dokumentarfilm eröffnet. Redl hob dabei die Kombination und Zusammenführung einer enormen Bandbreite von Material, von Imax-Filmaufnahmen am einen Ende bis zu NTSC-Video am anderen Ende hervor, wie sie bei »OceanMen« umgesetzt wurde. »Und das in einem Standard, bei dem sich mit einem Master der gesamte internationale Markt bedienen lässt.«

Martin Ludwig, Inhaber des gleichnamigen Kameraverleihs, verwies darauf, dass HD keineswegs automatisch konkrete Einsparpotenziale mitbringe, was die Gesamtkosten betrifft. »Letztlich beeinflussen ganz viele Faktoren den Aufwand, den man bei einer bestimmten Produktion treiben muss oder kann.« Dass die Mietkosten für einen HDCAM-Camcorder derzeit gut doppelt so hoch liegen, wie für Super-16-Equipment, sieht Ludwig durch Einsparungen beim Material und der Postproduktion wieder kompensiert. »Die Kostenstruktur verschiebt sich, aber man kann nicht generell behaupten, dass sich Kinofilme mit HD-Equipment billiger produzieren ließen als mit Film. Es kann allerdings im einzelnen Fall Vorteile geben, die klar für HD sprechen.«

Einen anderen Aspekt beleuchteten Firmenchef Fritz Stoiber von der gleichnamigen Produktionsfirma und sein Mitarbeiter Brennessel. Stoiber Productions stellte im Auftrag von BMW einen Clip her, der ein im Computer animiertes MiniCooper-Cabrio realistisch mit Realaufnahmen kombiniert. Um eine besonders authentische Bildwirkung zu erreichen, wurde dabei teilweise mit Handkamera gearbeitet. Bei dem dadurch schon recht aufwändigen Compositing-Job erleichterte und verbilligte der absolut exakte Bildstand der HD-Aufnahmen die Arbeit. »Bei Filmaufnahmen und Abtastungen hat man nie einen so exakten Bildstand und muss daher im Rechner eine zusätzliche Stabilisierung durchführen, was zusätzlichen Aufwand und Kosten bedeutet,« erläuterte Fritz Stoiber. »Bedenken, dass die 1:7-Kompression, die das Sony-Format HDCAM bei der Aufzeichnung durchführt, zu Problemen beim Compositing führen könnten, waren zumindest bei dieser Produktion unbegründet,« fügte Stoiber-Mitarbeiter Brennessel hinzu.

Autor
red
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