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Verarmt nach einem erfolgreichen Dokumentarfilmer-Leben

Hans Albrecht Lusznat hat für diesen Artikel sein Archiv durchforstet. Hier ist der Autor bei Dreharbeiten an der Flughafenbaustelle 1989 zu sehen.
Als Kameramann war ich seit den späten 70er Jahren an über 400 Filmprojekten beteiligt und habe viele unterschiedliche Dokumentarfilmmacher kennengelernt. Wir künstlerisch Tätigen im Filmbereich waren 1982 zwangsweise (Gott sei Dank) die ersten Mitglieder der Künstlersozialkasse, die bei den Verwertern der künstlerischen Leistungen den 50 %-Arbeitgeberanteile für die Rentenversicherung einsammelte.
Über die Jahre gefühlt schrumpften die aus dieser Versicherung erwachsenen Rentenansprüche langsam und kontinuierlich zusammen, je näher man an das kommende Renteneintrittsalter heranrückte. Vielleicht waren es auch die steigenden Preise und die stagnierenden Gagen, die dieses Gefühl auslösten.
Erfolgreich im Arbeitsleben als Dokumentarfilmer und arm im Alter.
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Hans Albrecht Lusznat (München) absolvierte ein Diplomstudium an der HfbK Hamburg im Fachbereich visuelle Kommunikation und hat als Kameramann an mehr als 400 Filmprojekten mitgewirkt. Er ist seit 34 Jahren im Berufsverband Kinematographie (BVK) und schreibt regelmäßig über technische und berufsspezifische Themen in verschiedenen Fachzeitschriften. 2025 ist sein Buch »Unter Kameraleuten« (ISBN 978-3-7410-0498-8) erschienen und beschäftigt sich intensiv mit der 100- jährigen Verbandsarbeit der Kameraleute, ihren Sorgen und Alltagsthemen. https://www.schueren-verlag.de/demnaechst/titel/unter-kameraleuten.html |
Die Entwicklung der Honorare
1986 habe ich bei einem Münchner Industriebetrieb für ein internes Betriebs-TV als Kameramann eine Gage von 800 DM (400 €) pro Tag bekommen.
2025 rümpften Produzenten die Nase, wenn man im Dokumentarischen eine Tagesgage über 400 € aufrief, obwohl ein Gagenrechner schon mindesten 700 €* als vernünftig vorschlug.
[*In Frankreich, Österreich und der Schweiz sind die Tagesgagen für Filmschaffende seit Jahrzehnten deutlich höher als im Niedriglohnland Deutschland, teilweise bis zu 80%.]
Das Durchschnittseinkommen lag 1986 bei 1606 €, im vergangenen Jahr 2025 bei 4961 €. Während das Durchschnittseinkommen um den Faktor 3,1 gestiegen war, sind die realen Tagesgagen der Dokumentarfilm-Schaffenden annähernd gleichgeblieben, in manchen Bereichen gar gesunken. Die Münchner Mieten sind im Zeitraum 1980 bis 2026 durchschnittlich um den Faktor 6 gestiegen. Eine 70-Quadratmeter-Wohnung hat 1980 ca. 179 € im Monat gekostet und liegt jetzt bei ca. 1400 €.
Wer aus Liebe zum Film sich in das Abenteuer Filmemacher gestürzt hat, glaubt eine Zeit lang, diese defizitäre Situation durch verstärktes Engagement und durch Mehr-Arbeit kompensieren zu können. Ein Trugschluss für Leib, Gesundheit und Seele.
Festangestellte vs. Freie
Die gemeinschaftlich finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten als Hauptabnehmer dokumentarischer Inhalte haben leider nicht auf einen gerechten Ausgleich zwischen Festangestellten und dem Heer der freiberuflichen Lohnzuarbeiter geachtet.
Während die Gehälter des Senderpersonals regelmäßig angepasst wurden, herrschte bei der Beschäftigung von Freiberuflern die Basarmentalität des freien Marktes – und jede Möglichkeit wurde genutzt, abhängige Zuarbeiter im Preis zu drücken. Gewerkschaftlich aufgestellte Mindestgagensätze waren in diesem Bereich eine Utopie.
Es gab natürlich unter den Dokumentaristen die Vorausschauenden, die schon nach den ersten Projekten sahen, dass es in diesem Geschäft schwierig wird, und die deshalb rechtzeitig das Tätigkeitsfeld wechselten oder in Wohnungen und Immobilien investiert hatten. Und es gab andererseits diejenigen, die diese Schritte ablehnten und die nicht Kapitalisten sein wollten, die dann irgendwann zu Ausbeutern ihrer Mieter mutieren würden. Jeder glaubt ja, er sei nicht korrumpierbar. Dazu eine kurze Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung:
Als Kameramann, als Tonmann oder Mitarbeiter aus einem anderen Filmgewerk hat man entweder auf Lohnsteuerkarte oder auf Rechnung für die Produktionsfirma gearbeitet. Als dann 1984 das Privatfernsehen startete und in den 90er Jahren Herstellungsleiter von dort zu Produktionsfirmen wechselten, änderten sich auch die Umgangsformen.
Veränderungen durch das Privatfernsehen
Das oberste Ziel, gutes Programm für die Kinogänger oder Gebührenzuschauer zu machen, wich langsam dem Gedanken der Gewinnmaximierung auch im Detail.
Aus dem Kameramann wurde im dokumentarischen Fernsehbereich ein Subunternehmer, der filmtechnische Dienstleistungen im Paket abliefern sollte und einen Teampreis für Kamera, Ton, Assistenz, Fahrzeug und Ausrüstung erhielt. Damit schob man nicht nur die lästigen Kosten der Sozialabgaben und Bürokratie in andere Hände, sondern installierte auch kapitalistische Hierarchien unter den Mitarbeitern.
Jeder Tagelöhner, der eine niedrigere Gage forderte, ermöglichte dem Subunternehmer höhere Einnahmen und zwei Handlungsoptionen: einen Qualitätsfilm mit hohem Aufwand machen zu wollen oder mit Sparmaßnahmen mehr Geld vom Teampreis für sich in die Finger zu bekommen. Der Vorwand, Privatisierung führe zu gesundem Wettbewerb, hat viele dem Gemeinwohl verpflichtete gesellschaftliche Interaktionen den Geldmachern in die Hände gespült und unter anderem den Kommunikationsbereich und das Gesundheitswesen nachhaltig vergiftet.
Kreative am Ende der Nahrungskette
Die Filmbranche war nie ein Streichelzoo, aber die subtilen Veränderungen wirtschaftlicher Abläufe haben die Situation zu Ungunsten der Kreativen verschärft. Daran hat auch ein umfangreiches Fördersystem nichts geändert, das sich selbst den gleichen Mechanismen untergeordnet hat und Erfolg heischend auswuchert und immer mehr vom Kuchen für sich verbraucht. Wo Fördergeld ist, entstehen Angebot und behauptete Nachfrage ganz von allein.
Wer heute einen kleinen Dokumentarfilm produziert, der agiert wie ein internationaler Großproduzent in den 60er Jahren und muss sich sein Geld mit immensem Verwaltungsaufwand aus Fördertöpfen und Lizenzverkäufen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg zusammensuchen.
Der Rucksackproduzent, der in Personalunion auch Dokumentarfilmer ist und um den es hier hauptsächlich geht, ist schon längst ein Auslaufmodell. Es sind Kreative, die seit den 80er Jahren oft 20 bis 40 Kino- oder Fernsehstücke in ihrer Filmografie vorweisen können, jetzt aber, wo Arbeitskraft und Arbeitsmöglichkeiten schwinden, von einer knappen Rente kaum leben können.
Bin ich selber schuld?
Damit teilen sie das Schicksal aller ehemals selbstständig künstlerisch arbeitenden Menschen. Gut 18 % dieser Gruppe gehören zu den 10 % der einkommensschwächsten Gesamtbevölkerung. Bei den ehemals abhängigen Beschäftigten sind es dagegen nur 10 % – also gut halb so viele, wobei zur Gruppe der abhängig Beschäftigten auch Personen mit geringer Qualifikation gehören, die mit einer Ausbildung zum Filmemacher nicht vergleichbar sind.
Ist jemand nach einem erfolgreichen Arbeitsleben in prekären Verhältnissen gelandet, dann stellen sich zwei Fragen. Erstens: »Bin ich selber schuld?« und zweitens: »Wo ist der Mehrwert meiner Arbeit geblieben?« Die Schuld suchen viele bei sich selbst und schweigen über ihre Situation, weshalb es kaum Äußerungen zur Misere gibt. Wo der Mehrwert geblieben ist, wird sich nicht eindeutig klären lassen. Dass es ihn auch bei sehr alten Werken gibt, sieht man daran, wie begierig KI-Unternehmen ungefragt Bücher und Medien einsaugen und verinnerlichen, dabei die Urheber konsequent übergehen, aber ihren Unternehmenswert steigern, was nur den Shareholdern zugutekommt.
Es ist an der Zeit, dass der Gesetzgeber auch diese Nutznießer zwingt, in die Künstlersozialkasse einzuzahlen und einen Beitrag zum sozialen Ausgleich zu leisten.
Keine Aktivrente für Freie – die arbeiten eh …
Die bequeme Meinung, kreative Freiberufler seien an ihrer schwierigen Situation selber schuld, kann man so nicht unwidersprochen stehen lassen. Gegenüber angestellten Lohnempfängern werden sie auch von der Politik vernachlässigt und sogar benachteiligt. Von der 2026 eingeführten Aktivrente mit ihrer massiven Steuerbegünstigung wurden sie schon im Vorfeld ausgeschlossen, obwohl sie über die KSK genauso in die Sozialsysteme einzahlen wie Angestellte. Die etwas zynische Begründung aus Politikermund: Die arbeiten nach dem Erreichen des Regelrenteneintrittsalters sowieso weiter!
Am Ende müssen wir uns nochmal den Titel dieses Artikels genauer anschauen und den Anachronismus, der in ihm steckt: Erfolgreich im Arbeitsleben als Dokumentarfilmer und arm im Alter.
Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm wird nun dieser Misere durch eine Fragebogenaktion unter ihren Mitgliedern genauer auf den Grund gehen.
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