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Der WDR geht in eine unternehmensweite Transformation
Der Kipppunkt kommt früher
Die Mediennutzung befindet sich seit geraumer Zeit in einem tiefgehenden Wandel. Konnte sich die Nutzung der klassischen linearen Verbreitungswege bislang noch behaupten, so steigert sich die non-lineare Nutzung unaufhaltsam – mit einem Kipppunkt bei der Video-Nutzung, der früher als erwartet eintritt. Als Kipppunkt definiert der WDR den Moment, in dem die non-lineare Nutzung die lineare überholt.
»Wir wollen die digitale Heimat aller Menschen im Westen sein« – WDR-Intendantin Katrin Vernau
Bis vor Kurzem lag die Prognose dafür noch im Jahr 2030. »Aber nun sehen wir, dass dieser Punkt früher erreicht wird – vermutlich schon in ein, zwei Jahren«, sagt Domique Hoffmann. Der WDR habe in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Veränderungen angestoßen und strategische Weichen gestellt. »Der WDR muss sich aber noch deutlich schneller verändern. Er muss für die digitale Zukunft umgebaut werden«, sagt Dominique Hoffmann, Direktorin Produktion und Technik beim WDR.

Produktions- und Technikdirektorin Dominique Hoffmann erklärte im Gespräch mit Christine Gebhard, was der WDR-Umbau für Produktion, Technik, Infrastruktur und die Mitarbeitenden bedeutet.
»Gerade die 14- bis 29-Jährigen erreichen wir kaum noch über die klassischen linearen Wege«, sagt sie. Beim Radio sei die Lage dagegen stabiler als beim Bewegtbild.
Dazu kommt die Finanzlage, die alle öffentlich-rechtlichen Sender betrifft. »Uns stehen perspektivisch weniger finanzielle Mittel zur Verfügung und wir müssen mehr abdecken – darauf müssen wir reagieren.«
Weniger Angebote, mehr Fokus
Hierzu hat der WDR sich mit der Angebotssteuerung einen wirksamen Prozess gegeben, der dabei helfen soll, seinen Auftrag zu erfüllen und die Vision zu erreichen, die digitale Heimat für die Menschen im Westen zu sein. Das Programmportfolio wird in diesem Sinne einer Analyse unterzogen, welche Menschen mit welchem Programm versorgt werden, welche Gruppen gar nicht oder schlecht erreicht werden und für wen möglicherweise mehr Programm gemacht wird als nötig. Im Zuge dessen reduziert der WDR deshalb von rund 600 auf 300 Angebote im Jahr 2030, bis zu 100 davon sollen neu entstehen.
Den ersten Schritt dieses Plans hat der WDR Ende September kommuniziert: 76 Angebote fallen bis Ende 2027 weg. Über das nächste Paket soll im März 2027 entschieden werden. In der Zeit danach beurteilen die Programmdirektionen das Portfolio jährlich und entscheiden anhand definierter Kriterien wie Reichweite, Zielgruppe oder Alleinstellungsmerkmal innerhalb der ARD, welche weiteren Formate wegfallen und welche Angebote neu entstehen sollen.
»Medienhäuser behandeln digitale Angebote bisher eher als zusätzlichen Ausspielweg. Sie denken vom Inhalt und seiner Verbreitung aus. Im Digitalen müssen wir noch stärker aus der Perspektive der Nutzenden denken: Welches Bedürfnis haben Menschen und welches Produkt ist die beste Antwort darauf?« – Dominique Hoffmann
Hoffmann betrachtet diese Schritte als wichtige Entlastung, damit sich der WDR zukunftsfähig weiterentwickeln kann. Die digitalen Angebote seien über Jahre als Zusatz zum Tagesgeschäft mitgewachsen, sagt sie, »der Cutter macht zu einem normalen Stück noch das Stück für Social Media, für die App, dann noch einen Clip. Arbeitspensum und auch die Art der Jobs sind also kontinuierlich gewachsen.«
Der WDR schaffe nun Freiraum, indem er Angebote streiche, und ermögliche so eine Fokussierung und Weiterentwicklung im Digitalen.
Produktionsdirektorin Dominique Hoffmann über die WDR-Pläne.
Eigenproduktion: Rückzug aus Show, Langzeitdoku und Mischproduktion
Die Veränderungen im Programmportfolio haben auch Auswirkungen auf die Eigenproduktion des WDR. Hier geht der WDR in eine stärkere Fokussierung auf die Bereiche Information, Aktualität, Regionalität sowie die ARD- Kompetenzfelder.
Zu denen gehören u.a. das Kinderprogramm, Verbraucher, Wissen, ARD- SportHub, Auslandsnetz und das Hörspiel. Die Eigenproduktionsfähigkeit bleibt über die gesamte Wertschöpfungskette erhalten – Beitragsproduktion, Studio- und Liveproduktion und die mobile Produktion, aber mit definierten Produktionsstandards. Dazu kommt eine krisenfeste, souveräne Infrastruktur für Produktion und Distribution.
Bei der großen Unterhaltungsshow, bei Langzeitdokus und bei Mischproduktionen zieht sich der WDR sukzessive aus der Eigenproduktion zurück. Hoffmann erklärt: »Insbesondere bei Mischproduktionen, bei denen einzelne Gewerke im Haus bleiben, entsteht ein riesiger Abstimmungsaufwand. Das ist unterm Strich aufwändiger für alle und auch nicht mehr wirklich kostenneutral. Aus der Herstellung fiktionaler Bewegtbildproduktionen mit eigenen Produktionsressourcen hat sich der WDR bereits vor einigen Jahren zurückgezogen.«
Daten und Distribution statt reiner Content-Technik
Der Bereich »Distribution, Daten und Publikumsprodukte« wird gestärkt. Hoffmann sieht hier den größten Nachholbedarf. Content müsse in unterschiedlichsten plattformgerechten Bildformaten vorliegen und brauche die passende Aufbereitung und Metadaten, um in der Plattformwelt zu funktionieren – egal ob Eigen- oder Drittplattformen.
»Früher lag der Fokus auf dem Inhalt, Metadaten waren immer das Unbequeme. Heute hat man überall Datenbrüche zwischen den Systemen, und das muss sich deutlich verbessern, weil die Daten viel wichtiger sind als noch vor Jahren.« Hinzu kommt die Notwendigkeit, dass Inhalte in der KI-Suche gut auffindbar sind. Der WDR will deshalb Expertise bei Daten und KI aufbauen.
Der Produktionsbetrieb mit rund 1.000 Mitarbeitenden gibt dafür Kapazität ab. Bis 2030 will der WDR dort rund 20 Prozent der Stellen herausnehmen und in technologieorientierte Aufgaben verlagern. Kompensieren sollen das die stärkere Fokussierung und Standardisierung in der Eigenproduktion. Unter anderem soll in der regionalen Berichterstattung das Reporter-Netzwerk stärker ausgebaut werden und in erster Linie »digital first« produzieren. Die Reporter werden selbst drehen und schneiden. Die Produktion rückt dann stärker in eine unterstützende Rolle, etwa in Form eines Technik-Desk, das angeliefertes Material nachbearbeitet und die aufwändigeren Stücke produziert.
Infrastruktur: IP-Backbone, crossmediale Produktionsplattform
Technisch sieht Hoffmann den WDR bei IP und vernetzter Produktion gut aufgestellt. Anfang des Jahres stieg der Sender im Schaltraum auf einen neuen IP-Backbone um.
Im ARD- SportHub sammelte das Team laut Hoffmann bei der Fußball-WM im Sommer »sehr gute Erfahrungen bei diesem Großevent und baut diese nun weiter aus.«
Ein aktuelles Großprojekt ist die crossmediale Produktionsplattform. Der WDR stellt dafür alle Schnittplätze von Avid auf Adobe um, harmonisiert die Serverlandschaft und steigt auf die nächste Vidispine-Generation um. Regionalstudios, Hauptstandort und Auslandsstudios sollen dabei eingebunden werden.
Die Herausforderung aus Hoffmanns Sicht ist bei solchen Großprojekten die zunehmend schneller werdenden Technologiezyklen mit den Laufzeiten der Projekte gut zu synchronisieren.
Seite 1: Kipppunkt, Reduktion der Angebote, mehr Daten und Distribution
Seite 2: Weniger Regien und Studios, gemeinsame Technik, Transformation und Vertrauen
Autor: Christine Gebhard
Bildrechte: Nonkonform
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