Branche, Top-Story, Unternehmen: 25.01.2018

Broadcast-Merger: Kommt bald die große Konsolidierung?

In der Branche mehren sich in den vergangenen Wochen die Gerüchte, dass es möglicherweise schon bald eine größere Umwälzung geben könnte: Es ist die Rede von einem Mega-Merger.

Die Broadcast-Branche hat sich in den vergangenen drei, vier Jahren schneller und tiefgreifender verändert, als in weit längeren Zeitspannen zuvor. Das betrifft die Programmanbieter, die Hersteller und die Technologien. So ist etwa die Transformation hin zu IP-basierter Technik mittlerweile weit fortgeschritten, aber sie ist noch lange nicht abgeschlossen.

Belden, Logo, Merger
Ist Belden in Kauflaune? Entsprechende Gerüchte machen in der Branche die Runde: Die Rede ist von einem möglichen Mega-Merger unter dem Dach von Belden.

Das alles zusammengenommen, hat massive Auswirkungen auf sehr viele Branchenteilnehmer. Und nun könnte auf der Herstellerseite ein weiterer, tiefer Einschnitt anstehen: die Gerüchte mehren sich, dass hinter den Kulissen an einem großen Merger gearbeitet wird, der möglicherweise zur NAB2018 schon Realität sein könnte. Die zentrale Rolle spielt dabei dem Vernehmen nach Belden, weitere Akteure sollen SAM und Imagine sein.

Bisher handelt es sich um Gerüchte, die von den genannten Unternehmen auch auf konkrete Anfrage von film-tv-video.de hin nicht kommentiert wurden: Man sage generell nichts zu Branchengerüchten, teilten Imagine und SAM mit, Belden ließ die Anfrage gleich ganz unbeantwortet.

film-tv-video.de hat aber einzelne Informationen von ganz unterschiedlichen, gewöhnlich bestens unterrichteten und sehr zuverlässigen Brancheninsidern erhalten, außerdem gibt es auch noch weitere Indizien, die uns nun veranlassen, die Puzzlestücke und Spekulationen zumindest einmal zusammenzufassen. Vorerst bleibt das Ganze aber, darauf sei noch einmal ganz explizit hingewiesen, spekulativ.

Fakten: Der aktuelle Stand

Belden kommt aus der Draht- und Kabelproduktion. In diesem Bereich stellt das Unternehmen mehr als 3.000 Produkte her, darunter Kupfer- und Glasfaserkabel, Steckverbindungen, Kabelinstallationssysteme und weiteres. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit insgesamt rund 8.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt Produktionsstandorte in Nordamerika, Europa und Asien.

2017 erzielte Belden mit allen Töchtern und Marken zusammengenommen, mehr als 2,21 Milliarden Euro Umsatz. Zum Konzern gehören die Marken und Töchter Belden, GarrettCom, Hirschmann, Lumberg Automation, Poliron, Tofino Security, PPC, ThinkLogical, Mohawk, West Penn Wire, Alpha Wire, Tripwire, ProSoft Technology und Grass Valley.

Grass Valley, Logo
Miranda und Grass Valley hat Belden relativ kurz nacheinander gekauft und verschmolzen.

2012 hatte Belden begonnen, seinen Portfolio im Broadcast-Markt zu vergrößern, wo das Unternehmen bis dahin überwiegend durch seine Kabelsparte Broadcast Cables bekannt war. Zunächst übernahm Belden Miranda und dann 2014 Grass Valley (Meldung). Diese beiden wurden dann unter der Marke »Grass Valley, a Belden Brand«, verschmolzen, im folgenden einfach Grass Valley genannt. Für Miranda und Grass Valley gab Belden rund eine Milliarde US-Dollar aus.

Tim Shoulders, Porträt
Tim Shoulders löste bei Grass Valley Marco Lopez ab.

Seit dem Jahresanfang 2018 hat Grass Valley mit Tim Shoulders einen neuen Boss, der schon viele Jahre für Belden arbeitet, dessen Background aber eher im Buchhaltungs- und Finanzbereich liegt (Meldung). Er löste in dieser Position Marco Lopez ab, den früheren Miranda-Chef.

Cotney, Porträt
Tom Cotney leitet nun das operative Geschäft von Imagine.

Auch bei Imagine gab es vor kurzem einen Wechsel in der Chefetage: CEO Charlie Vogt verließ das Unternehmen in Richtung der hinter Imagine stehenden Investorengruppe, der Gores Group. Sein Nachfolger ist Tom Cotney (Meldung). Er kommt aus dem IT-Bereich und war lange Jahre als General Manager im Communications Bereich bei IBM Global Services tätig.

Charlie Vogt, Gores-Group
Charlie Vogt ist nun beim Finanzinvestor, der hinter Imagine steht, für Merger & Acquisitions und das Business Development zuständig.

Ein Blick zurück: Vor fünf Jahren wurde Harris an die Gores Group verkauft (Meldung), wenig später kam dann Charlie Vogt als neuer CEO in das Unternehmen (Meldung) und im Jahr 2014 wurde Harris schließlich aufgespalten und die Broadcast-Sparte in Imagine Communications umbenannt (Meldung).

Charlie Vogt wurde nun innerhalb der Gores Group als »Senior Advisor« tätig und soll dort weitere Merger & Acquisitions und das Business Development von Imagine verantworten. Alec Gores, Chef der Gores Group, betonte bei dem Wechsel, dass Charlie Vogt bei Imagine Communications die Transformation hin zu IP erfolgreich umgesetzt habe. Vogt ergänzte, dass Imagine kurz vor seinem Ausscheiden dem besten Quartalsergebnis des Jahres entgegen blickte.

Vogt und Cotney gaben vor kurzem dem US-Magazin TV Technology ein Interview (hier), in dem Cotney auf die Frage nach einem möglichen zukünftigen Verkauf von Imagine unter anderem sagte: »Wissen Sie, meine Frau und ich lieben das Haus in dem wir leben, aber ab einem bestimmten Preis würden wir es trotzdem verkaufen.« Und weiter: »Ich kann zu solchen Hypothesen nichts sagen, etwa dazu, was jemand möglicherweise irgendwann für das Unternehmen bezahlen würde. Unser Ziel ist es, stärker zu werden und zu dominieren.« Vogt nennt dann im gleichen Interview noch Belden als einziges großes Unternehmen in der Branche, bei dem er die Leidenschaft und das Interesse sehe, die Vision und die Strategie, in der Branche etwas Bedeutendes zu unternehmen.

Imagine hat derzeit rund 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an 30 Standorten weltweit beschäftigt sind.

SAM, Logo
SAM entstand aus Quantel und Snell. Dahinter steht der Private Equity Arm von Lloyds.

SAM, als Kurzform für Snell Advanced Media, ist seit 2015 der Firmenname eines britischen Unternehmens, das dadurch entstand, dass 2014 Quantel Snell gekauft hatte (Meldung) — was manche als Übernahme eines Goliath durch einen David betrachteten. Sowohl hinter Quantel, als auch hinter Snell, stand zu diesem Zeitpunkt aus finanzieller Sicht LDC, der Private Equity Arm der Lloyds Banking Group. LDC ist nun auch sozusagen der Besitzer von SAM.

Eric Cooney, SAM, Porträt
Eric Cooney ist seit rund einem halben Jahr neuer CEO und President von SAM.

Seit Mitte 2017 hat SAM mit Eric Cooney einen neuen CEO und President, der Tim Thorsteinson in dieser Position ablöste (Meldung).

SAM hat in den vergangenen Jahren eine teilweise schmerzhafte und schwierige Restrukturierung inklusive Personalabbau erlebt. Das Unternehmen hat seinen Produkt-Portfolio aber in vielen Bereichen erfolgreich modernisiert und sich neu aufgestellt (Interview hierzu). SAM dürfte derzeit rund 500 Mitarbeiter haben, genaue Zahlen stehen nicht zur Verfügung.

Gerüchte: Das geistert in der Branche umher

Angeblich laufen derzeit hinter den Kulissen intensive Gespräche mit dem Ziel, dass Belden durch die Übernahme von SAM und/oder Imagine seinen Broadcast-Bereich weiter ausbauen will.

Zwischen der Belden-Tochter Grass Valley und den beiden angeblichen Übernahmezielen, gibt es durchaus Überlappungen in den Produkt-Portfolios — aber durchaus auch sinnvolle Ergänzungen. Ohne Restrukturierung, Einstellung einzelner Produktlinien und auch Personalabbau, dürfte das Ganze aber wohl kaum ablaufen, wenn es denn so weit kommen würde. Es entstünde aber auch ein großer, mächtiger Player im Markt.

Angeblich sollen die Gespräche schon jenseits erster Sondierungen stattfinden. Vereinzelt wird kolportiert, die NAB2018 sei die Ziellinie für die Bekanntgabe der Übernahmeabsichten.

IP, Grafik
Alle Anbieter sind derzeit dabei, ihre Produktlinien IP-fähig zu machen.
Würde der Mega-Merger Sinn ergeben?

Wenn es gelänge, die jeweiligen Stärken der einzelnen Teile zu verbinden, dann könnte das daraus entstehende Unternehmen durchaus erfolgreicher werden, als die einzelnen Teile.

Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Dort, wo die Überlappungen in den Portfolios liegen, findet derzeit auch der massivste Umbruch statt. So ist es etwa für die genannten Unternehmen ohnehin teuer und aufwändig, ihre Produktlinien IP-fähig zu machen — und es ist zudem auch schwierig, das richtige Personal dafür zu finden.

Wenn jedes der genannten Unternehmen hier parallel entwickelt, dann wird das insgesamt betrachtet sehr teuer und läuft auch relativ langsam ab. Gelänge es hingegen, diese Anstrengungen zu bündeln, dann läge hier nicht nur massives Sparpotenzial, sondern es ergäben sich auch Geschwindigkeitsvorteile, die für ein längerfristiges Überleben der Unternehmen essenziell sein könnten.

Weiterer unternehmerischer Vorteil: Wer alles unter einem Dach entwickelt und aus einer Hand liefern kann, der tut sich mit Interoperabilität, mit Standardisierung und mit dem Aufbau zukunftsweisender Infrastrukturen und auch neuer Geschäftsmodelle (Lizenzmodelle, Service-Modelle) ganz sicher leichter.

Diese und weitere Aspekte könnten also eine solche Übernahme und einen Merger der einzelnen Teile durchaus sinnvoll machen.

Wo liegen Risiken und Unwahrscheinlichkeiten?

Ein Merger dieser Dimension mit Unternehmen, die unter anderem auch viel Tradition und Technologie-Heritage beinhalten, ist alles andere als leicht. Das konnte man in der Branche schon des öfteren beobachten. Es passt eben im Detail dann oft doch nicht zusammen, was auf den ersten Blick passend erschien.

Zweifel kann man auch hegen, ob jemand vergleichsweise viel Geld in die Hand nimmt, um tendenziell eher schrumpfende Unternehmen zu erwerben, die in einem Markt agieren, der sich derzeit insgesamt konsolidiert. Und wenn ja: Würde er dann Unternehmen kaufen und zusammenführen, die sich letztlich immer noch im Umbau von traditioneller auf IP-basierte Broadcast-Technik befinden? Oder wäre es nicht sinnvoller, selbst etwas Neues aufzusetzen, wenn man die Finanzmittel dafür hat? Oder lieber Unternehmen zu kaufen, die kein so lange zurückreichendes Erbe mitbringen, weil das eben auch belasten kann?

Für die Mitarbeiter würde der Mega-Merger ganz sicher nicht nur Gutes bedeuten: Er würde wohl kaum ohne Kündigungen abgehen. Besonders in den Bereichen, wo es zu Bereinigungen im Produkt-Portfolio kommen würde, wäre das sicherlich auch mit einem Personalabbau verbunden, auch im Vertrieb wäre das nicht gänzlich unwahrscheinlich.

Einordnung

Vielleicht sind die Gerüchte, die derzeit die Runde machen, also doch nur heiße Luft — aber vollkommen abseitig erscheinen sie auch nicht.

Avid, Orad, Logo
Auch eine Übernahme der jüngeren Vergangenheit, die nicht jeder auf dem Schirm hatte: Avid hat 2015 Orad übernommen und daraus unter anderem seine Maestro-Familie aufgebaut.

Es gab schließlich in der Branche schon etliche Übernahmen, die anfangs bestritten und für unwahrscheinlich gehalten wurden: Avid hat vor vielen Jahren Pinnacle geschluckt und vor gar nicht so langer Zeit Orad. Avid hat auch mal Softimage gekauft und dann später an Autodesk weitergereicht, ein Unternehmen, das unter anderem auch Discreet. geschluckt hat und wiederum vor kurzem ankündigte, dass man 1.150 Mitarbeiter entlassen werde — rund 13 % der Mitarbeiter.

Ältere Branchenteilnehmer können vielleicht auch noch den Zusammenhang zwischen den folgenden Firmennamen herleiten (Tipp: hat etwas mit Übernahmen zu tun): BTS, Philips, Thomson, Technicolor, Grass Valley, Belden.

Was sagt uns das? Vieles was man sich nicht vorstellen konnte oder wollte, ist in dieser Branche schon passiert. Wer wollte da irgendetwas sicher ausschließen?

 

Nachtrag vom 8. 2. 2018

Belden gab am 8. 2. 2018 bekannt, dass man sich mit LDC über die Übernahme von SAM geeinigt hat. SAM soll in Grass Valley integriert werden: mehr dazu hier.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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