Kamera, Test, Top-Story: 22.11.2006

HDV-Camcorder HVR-V1: Gipfelstürmer?

Sony präsentiert mit dem V1 einen kompakten 3-Chipper für Profis, der mit CMOS-Sensoren arbeitet. Ein erster Blick auf ein funktionsfähiges, aber noch nicht testfestes Vorseriengerät. (Eine druckfreundliche PDF-Version mit zusätzlichen Infos zum passenden Diskrecorder HVR-DR60 steht am Textende zum Download bereit: 7 Din-A4-Seiten, 1 MB.)

Vor gut einem Jahr stellte Sony mit dem HVR-Z1 (Test hier) den ersten HDV-Camcorder für Profis vor. Auf diesen Camcorder schienen viele Profis gewartet zu haben, er begründete einen richtiggehenden HDV-Boom bei den Profis und legte gleichzeitig die Messlatte für HDV fest. Danach stellte Sony den kompakten A1 (Test hier) vor und nun kommt mit dem HVR-V1 das dritte HDV-Gerät für den professionellen Markt.

Der V1 ähnelt äußerlich dem Z1 und man fragt sich zunächst, was außer den anderen Bildsensoren noch dran ist am Neuen. www.film-tv-video.de konnte einen ersten Blick auf ein Vorseriengerät werfen – und Überraschendes entdecken: Die Unterschiede sind größer als Viele erwarten würden.

Unterschiede Z1 und V1

Was unterscheidet den V1 vom Z1? Zunächst einmal der Preis. Der V1 geht für 4.600 Euro netto über den Ladentisch, der Z1 kostet rund 800 Euro mehr, also 5.400 Euro. Natürlich gibt es auch bei der Technik Unterschiede: In den Z1 hat Sony drei 1/3-Zoll CCD-Chips eingebaut, in den neueren V1 hingegen drei 1/4-Zoll CMOS-Chips. Sonys noch kompakterer Profi-HDV-Camcorder HVR-A1 basiert zwar ebenfalls auf CMOS, ist jedoch nur mit einem statt mit drei CMOS-Chips ausgerüstet. Weitere Ausstattungs-Unterschiede: Während sich der Z1 wahlweise mit 50 oder 60 Hz betreiben lässt, ist der V1 nicht zwischen diesen beiden Modi umschaltbar. Dafür bietet er statt eines 12fach-Zooms wie beim Z1 ein 20fach-Zoomobjektiv. Auf diese Weise kommt der V1 zwar auf eine höhere Telewirkung, allerdings bietet er auch eine geringere Weitwinkelwirkung als der Z1, was etwas schade ist, denn gerade bei Drehs in Innenräumen kommt es oft auf ein paar Millimeter Brennweite an. Sony hat dem V1 dafür eine Fotofunktion spendiert, die der Z1 nicht bietet, allerdings dürfte die gerade für professionelle Kunden eher zweitrangig sein.

Vorteile bietet der ältere Z1 gegenüber dem neuen V1 bei der manuellen Verstärkung (drei Positionen statt einer), bei der etwas höheren Sucherauflösung und dem Zoomring mit Anschlag, der dem V1 leider fehlt. Allerdings kann der V1 wiederum mit längerer Akkulaufzeit punkte: die soll gut 8 Stunden gegenüber 6,5 Stunden betragen.

Unterschiede V1 und FX7

Die Consumer-Version des V1 trägt die Typenbezeichnung FX7 und ist seit kurzem zum Bruttopreis von 3.700 Euro verfügbar. Wie schon beim Consumer/Profi-Paar FX1/Z1 gibt es auch bei V1 und FX7 einige Unterschiede: So beherrscht der V1 im Unterschied zum FX7 die Aufzeichnung mit 25p. Sony hat hierbei eine 25p-Variante gewählt, bei der der Camcorder — vereinfacht gesagt — statt zweier Halbbilder zwei zeitlich identische, progressiv abgetastete Bilder aufzeichnet (PsF).

Weitere Unterschiede: Der V1 bietet zwei XLR-Eingänge, über die sich ein externes Mikrofon anschließen lässt. Die beiden Tonkanäle lassen sich getrennt regeln, wobei die Tasten hierfür in der Verlängerung des Haltegriffs oben angebracht und damit sehr gut zu erreichen und einzustellen sind. Außerdem bietet der V1 die Möglichkeit, Timecode aufzuzeichnen und sogar die Timecodes mehrerer Camcorder zu synchronisieren.

Ausstattung und Bedienung

Im Innern des Sony V1 verrichten drei CMOS-Chips ihren Dienst. Das hat nicht nur Auswirkungen aufs Bild, sondern ermöglicht auch neue Funktionen. Beispiel Slow Record: CMOS-Chips lassen sich deutlich schneller auslesen als CCD-Chips, so dass der V1 eine Art Superzeitlupe zunächst in einen internen Speicher spielen und dann auf Band aufzeichnen kann. Dabei geht die Auflösung im HDV-Modus allerdings massiv in den Keller. Sinnvoll einsetzbar ist diese Funktion allenfalls dann, wenn es darum geht, Bewegungsabläufe zu analysieren – etwa im im technischen Bereich oder in Sport- und Trainingswissenschaft.

Sehr positiv ist die kompakte Bauweise und die gute Verarbeitung des V1, und besonders gut gefiel den Testern auch die große und ebene Standfläche des Camcorders, die dafür sorgt, dass der Camcorder satt und sicher auf dem Stativ oder einem ebenen Untergrund aufliegt.

Auch die Positionierung der Ein- und Ausgangsbuchsen haben die Ingenieure beim V1 gut gelöst: Komponenten-, AV- und DV/HDV-Ausgänge sind nun hinten direkt neben dem Akku untergebracht und sehr gut zugänglich, die seltener benötigen USB– und HDMI-Buchsen finden sich im unteren Bereich des Camcorders. Auf eine eigenständige Y/C-Buchse hat Sony beim V1 verzichtet, stattdessen gibt es eine A/V-Buchse, an die sich eine Kabelpeitsche mit Cinch- und Hosiden-Buchsen anschließen lässt.

In puncto Bedienung überzeugt der V1 durch die schlüssige Anordnung der Tasten: Auf Fokus und Belichtung hat der Filmer direkten Zugriff, auch auf Gain, Shutter und Weißabgleich, wobei diese Tasten im Vergleich zum Z1 an die Rückfront des Camcorders gewandert sind, wo sie auch leichter erreichbar sind. Positiv: Über die »Assign«-Funktion lassen sich bis zu sechs Tasten mit weiteren Funktionen belegen, die der Filmer dann direkt aufrufen kann, ohne hierfür das Menü aufrufen zu müssen.

Klappt man das seitlich montierte Display des Camcorders auf, verbergen sich darunter weitere Tasten – unter anderem für die Laufwerk-Bedienung, aber auch für Zebra und Akku-Info. Sehr gut gelöst haben die Entwickler die Möglichkeit zum Status-Check: Drückt man diese Taste, werden auf dem Display alle aktuellen Einstellung des Camcorders angezeigt — thematisch sortiert und auf verschiedenen Seiten, die man mittels Menürad durchscrollen kann. So verliert man nicht mehr den Überblick und kann auch auf die Schnelle prüfen, was gerade eingestellt ist.

Stichwort Display: Dessen Grundeinstellung ist eher dunkel, aber das lässt sich im Menü anpassen und soweit optimieren, dass der Schirm deutlich heller ist — dann zieht er allerdings auch mehr Leistung aus dem Akku. Als Alternative bietet sich daher auch immer der Sucher an, für den Sony eine zweite, aufsteckbare Augenmuschel beilegt. Das Sucherbild selbst lässt sich in Farbe und Schwarzweiß darstellen, fürs manuelle Scharfstellen könnte und sollte die Auflösung des Suchers aber besser sein.

Für Zoom und Fokus ist der V1 mit zwei Ringen bestückt, wobei beide ohne Anschlag auskommen müssen, was für Profis etwas gewöhnungsbedürftig ist. Doch immerhin bietet der Camcorder beim Zoom dank vorhandener Wippe am seitlichen Griff und im Henkel auch gut funktionierende Alternativen.

Hinter dem unscheinbaren Begriff »Picture Profile« verbergen sich beim V1 zahllose Möglichkeiten, das Bild anzupassen. Bis zu sechs Bild-Profile lassen sich anlegen, modifizieren und speichern. Dabei kann der Kameramann Knie, Gamma, Farbphase und –Pegel, aber auch Schärfe und Hauttonpegel individuell einstellen. Für Tüftler und Technik-Freaks ein wahres Eldorado, für alle anderen zwar eine schöne Möglichkeit, die aber wohl aus Zeitmangel in den meisten Fällen ungenutzt bleiben dürfte. Öfter werden die Kameraleute zweifellos Funktionen nutzen, wie das Zebra zur Belichtungskontrolle, das dreistufige Peaking, mit dem es leichter wird, manuell zu fokussieren, oder die Scharfstellhilfe Expanded Fokus.

Bild und Ton

Beim für diesen Artikel ausprobierten Gerät handelte es sich um ein Vorseriengerät, das noch nicht in allen Aspekten dem endgültigen Serienmodell entsprach: Es können also im folgenden noch keine abschließenden Beurteilungen des V1 erfolgen, denn an der einen oder anderen Stelle greifen die Ingenieure sicher noch ein, bevor aus dem Vorserien- das Seriengerät wird.

Der V1 ist mit drei CMOS-Chips ausgerüstet — das ist bei Sony für ein Gerät dieser Klasse neu. Wer beim V1 aufgrund der Chips jedoch Bildeffekte befürchtet, wie man sie den CMOS-Chips der ersten Generation zuschreibt, wird sehr angenehm überrascht: Die Bilder, die das Vorseriengerät aufs Band aufzeichnete, wirkten sehr überzeugend: Kontrastreich, farbecht und realitätsnah – auch dann, wenn die Motive alles andere als einfach zu bewältigen waren und etwa Mischlicht enthielten oder viele Details aufwiesen. Typische CMOS-Probleme waren praktisch nicht zu entdecken, und bei schwacher Beleuchtung wirkten die Bilder fast schon unnatürlich rauscharm. Im Vergleich zum Consumer-HDV-Camcorder HC-1, der im Praxistest zum Vergleich mitlief, sahen die Bilder des V1 kontrastreicher und gerade bei detailreichen Motiven besser und frischer aus. Auch in der CMOS-Welt gilt eben unverändert: Drei Chips können deutlich mehr als ein ein Chip. Bei Szenen mit viel Bewegung gilt, was für alle HDV-Camcorder gilt: Bei etwas schnelleren Schwenks oder bei schnell bewegten Objekten im Bild gibt es Unschärfe- und Nachzieh-effekte. Darauf wird man beim Seriengerät des V1 sicher nochmals einen genaueren Blick werfen müssen. Im 25p-Modus des Camcorders sind diese Nachzieheffekte noch eine Spur extremer. Diesen Aufnahmemodus werden deshalb wohl eher Kameraleute nutzen, die den speziellen Cine-Look wünschen und damit umzugehen wissen.

Der Ton, den das mitgelieferte Monomikrofon ECM-NV1 liefert, ist ordentlich, auch wenn hochwertige Mikros das NV1 — das übrigens auch mit dem A1 ausgeliefert wird — leicht übertreffen können. Phantomspeisung ist beim Tonteil des V1 auch einstellbar, der Videofilmer hat also viele Möglichkeiten, den Ton zu optimieren.

(Vorläufiges) Fazit

Auch hier gilt, wie schon im vorherigen Abschnitt erläutert: das Gerät, das als Grundlage dieses Artikels diente, war ein Vorseriengerät — also kann hier auch nur ein vorläufiges Fazit stehen.

Und das lautet so: Solange es den Z1 noch gibt, werden HDV-Puristen wohl weiterhin zu diesem Camcorder greifen. Für alle anderen könnte sich der V1 in vielen Aspekten zu einer interessanten Alternative entwickeln: er kostet 800 Euro weniger und wirkt sehr stabil und robust. Kurzum: Wenn das Testmuster die Bildqualität hält, die sich beim Vorseriengerät andeutet, könnte der V1 nicht nur dem Z1 das Leben schwer machen.

Downloads zum Artikel:

T_1106_CC_Sony_V1.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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