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Home Allgemein Filmtipps fürs 41. Internationale Dokfest München 2026

Filmtipps fürs 41. Internationale Dokfest München 2026

Das Dokfest startet mit 106 Dokumentarfilmen aus 49 Ländern in Münchner und Augsburger Kinos und Event-Locations — sowie per Streaming. Infos und Filmtipps von Kameramann Hans-Albrecht Lusznat.



EDGE OF THE NIGHT

Estland 2025, Vladimir Loginov, 90 Min., OmeU

Tallinn ist die estnische Hauptstadt mit 457.000 Einwohnern. Der Filmemacher zeigt uns seine Stadt zwischen Dämmerung und Morgengrauen in Momentaufnahmen, wobei er die chronologische Abfolge nicht so genau nimmt und man nie so richtig weiß, wo man eigentlich in der Nacht ist.

©DOK.fest München, Edge of the Night

Still aus »EDGE OF THE NIGHT«.

Wir fahren in einem Taxi mit, begleiten einen Busfahrer ins Depot, erleben Anrufe in der Notrufzentrale und einen Vater bei der Entbindung im Krankenhausflur. Die Fluglotsen weisen Maschinen ein, Bauarbeiter legen Platten zwischen Straßenbahnschienen, und im Domina-Studio wird ein Kunde mit Kerzenwachs beträufelt. Am Strand reden zwei Frauen über andere Strände, vor dem Club sprechen junge Frauen miteinander und im Computershop zocken Jugendliche. Die Feuerwehrleute warten auf den Einsatz, an der Bushaltestelle ringen zwei junge Männer, und im Zoo schauen Tiere über den Zaun. Die Bilder reihen sich wie eine Leistungsschau des Nachtlebens aneinander. Genauso zusammenhanglos, wie die Aufzählung klingt, ist die Abfolge im Film, und man fragt sich, warum in einem bestimmten Fall die Kamera beobachtend verharrt und ein anderes Mal Szenen in mehreren Einstellungen auflöst, obwohl man nicht mehr erfährt. Egal wie gut man einzelne Szenen finden mag, der Film wurde schon in der Konzeptionsphase verbockt.
[sehenswert*]

STERBEN FÜR ANFÄNGER [Suche nach dem Tod]

Österreich 2025, Kurt Langbein, 92 Min., OmeU

©DOK.fest München, Sterben für Anfänger

Still aus »STERBEN FÜR ANFÄNGER«.

Der österreichische Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein hat 2009 seine Krebsdiagnose erhalten. Als nach zunächst erfolgreicher Therapie der Krebs wieder kommt, beginnt er mit dem Tod seines Freundes Franz einen Film über das Sterben. Jeder zehnte Mensch stirbt in der Intensivmedizin, etwas, was eigentlich keiner will, aber wenn es passiert, dann klammern sich fast alle hoffnungsvoll an die Möglichkeiten, auch wenn Intensivmedizin für die Betroffenen äußerst schmerzvoll sein kann. Langbein geht der Frage nach, wann jemand tot ist, und welche Erlebnisse Menschen hatten, die eigentlich schon tot waren, aber zurückgeholt wurden. Eine Sterbe-Amme begleitet Menschen in ihrer letzten Phase so wie eine Hebamme Eltern auf ein neues Leben vorbereitet.
[sehenswert****]

WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS [Artenschwund]

Deutschland 2026, Ulrike Franke, Michael Loeken, 90 Min., OmeU

Der amerikanische Romancier Jonathan Franzen ist ein bekennender Vogelbeobachter und er kann für diese Leidenschaft sein Damaskuserlebnis beschreiben:

©DOK.fest München, Watching People Watching Birds

Still aus »WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS«

Im Alter von ungefähr 35 Jahren luden ihn Verwandte im Mai zu einem Spaziergang mit Fernglas in den Central Park ein, und in den folgenden 3 ½ Stunden entdeckte er eine Parallelwelt, die schon immer existiert hatte, die er aber nie wahrgenommen hat. Dieser Film versammelt Bird Watcher mit außerordentlichen Kenntnissen, eine Leidenschaft, die die Sensibilität für unsere Umwelt schärft. Wie fragil die natürlichen Zusammenhänge sein können, hat Mao Zedong 1958 in einem Feldexperiment mit fatalen Folgen vorgeführt. Die Spatzen als Saatgutfresser sollten als eine der vier Plagen ausgerottet werden und 600 Millionen Chinesen scheuchten drei Tage lang die Vögel auf, bis sie tot vom Himmel fielen und gut 2 Milliarden Spatzen erledigt waren. Im Jahr drauf vernichtete eine Heuschreckenplage die Ernte und in der Folge kamen geschätzt 40 Millionen Chinesen durch Hunger um.

©DOK.fest München, Watching People Watching Birds

Still aus »WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS«

Der Film begleitet die verschiedensten professionellen und ehrenamtlichen Vogelbeobachter bei ihren Streifzügen, bei denen sie ihre Erkenntnisse teilen, eine davon: die Population der Vögel nimmt drastisch ab. Die verschiedenen Aspekte des Themas werden durch die Montage geschickt in eine lange Erzählung verwoben. Hinsichtlich der Bilder haben sich die Macher für das Cinemascope-Format entschieden, was dem Flug von Vögeln und Schwärmen entgegenkommt.
[sehenswert****]

PAIKAR [Vater Sohn, Afghanistan]

Niederlande, Iran, Afghanistan 2025 , Dawood Hilmandi , 97 Min., Dari, OmeU

©DOK.fest München, Paikar

Still aus »PAIKAR«.

Der Filmemacher Dawood Hilmandi, kurz Paikar, hat noch ein Hühnchen mit seinem Vater zu rupfen, einem ehemaligen Mudschahidin Widerständler aus Afghanistan, der dann in den Iran geflohen ist und dort als Geistlicher und Schriftsteller lebt. Die Annäherung an den Vater erweist sich als sehr schwierig, gelingt dann aber nach mehreren Versuchen und führt nach einer Pilgerreise zu einer gemeinsamen Rückkehr mit dem Vater nach Afghanistan zu den Wurzeln der Familie. Während der Sohn in Kabul verbleibt und später die Eroberung der Stadt durch die Taliban miterlebt, stirbt der Vater im iranischen Exil an Covid. Der Rest der großen Familie ist über die Niederlande, Schweden, Iran und Norwegen weit verstreut. Die Liste der beteiligten Kameraleute ist lang – und dafür ist der Film erstaunlich gut gelungen.
[sehenswert***]

NOVA ’78 [historische Literaturveranstaltung]

Portugal, UK 2025, Aaron Brookner, Rodrigo Areias, 78 Min., englOF

©DOK.fest München, Pinball London

Still aus »NOVA ’78«.

Manchmal fördert wiederentdecktes Filmmaterial interessante Einsichten in vergangene Zeiten. 1978 fand im East Village New York an drei Tagen die sogenannte Nova Convention zu Ehren von William S. Burroughs in einem Theater statt. Der Veranstalter ließ Filmaufnahmen anfertigen, die jetzt wiedergefunden wurden und zu einem Film verarbeitet worden sind. Die damalige kulturelle Avantgarde trat zu Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Performances an unter anderen:
Patti Smith, Laurie Anderson John Cage, Frank Zappa, Allen Ginsberg, Timothy Leary, Jackie Curtis. Als Tonmann wird auch Jim Jarmusch genannt.
Auffallend ist, wie unaufgeregt dieses Kulturereignis ablief, eher wie eine große Familienfeier.
[sehenswert***]

HUNDERTZWÖLF [Beobachtung, Feuerwehr]

Deutschland 2026, August Pflugfelder, 80 Min., OmeU

Polizei, Feuerwehr, Museum Schule und Krankenhaus gehören zu den Klassikern des Dokumentarfilms, hier sei nur an Raymond Depardon und Fred Wiseman erinnert, aber jede Generation muss ihren sozialen Umraum neu entdecken.

©DOK.fest München, Hundertzwölf

Still aus »HUNDERTZWÖLF«.

Hundertzwölf konzentriert sich ausschließlich auf Deutschlands größte Notrufzentrale, die Leitstelle der Berliner Feuerwehr. Es beginnt mit einem Ausbildungsgang neuer Mitarbeiter, die nach der Theorie erste Notrufe entgegennehmen und von einem erfahrenen Kollegen begleitet werden, und es endet mit der nächsten Generation von Neulingen, denn für manche ist der Umgang mit der täglichen Not eine schwer erträgliche Dauerbelastung, weshalb es bei dieser Tätigkeit zu Fluktuation kommt. »Durchatmen« ist die erste Empfehlung, wenn die Anrufer orientierungslos verwirrende Informationen abladen und nicht auf die Anweisungen der Helfer eingehen. 80 Minuten telefonierende Menschen sind hier mit Nebenbeobachtungen und persönlichen Gesprächen der Mitarbeiter gut gemischt und tragen durch den Film. Der Film ist in Cinemascope gehalten.
[sehenswert****]

NICHTS BLEIBT UND NICHTS VERSCHWINDET [Beobachtung, Gentrifizierung]

Deutschland 2026, Paul Sonntag, 79 Min., OmeU/OmdtU

©DOK.fest München, Nichts bleibt und nichts verschwindet

Still aus »NICHTS BLEIBT UND NICHTS VERSCHWINDET«.

Manchmal ist es das Schnittkonzept, das überzeugt. Es ist eine einfache Handlung vom Abriss bis zum Neubau, aber wenn man die Handlung in der Mitte halbiert, in gleichmäßige Stücke schneidet und alternierend aneinanderfügt, verschwindet das eine, während das andere entsteht.

Auf dem Berliner Eckgrundstück Stendaler-, Rathenower-Straße stand ein eingeschossiger Edeka Supermarkt »Nah und gut«. So ein Grundstück weckt überall in der Republik Begehrlichkeiten zur Profitmaximierung, und so geschieht, was eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Zerstörung von Lebensräumen ist. Der etwas heruntergekommene Nahversorgungsschwerpunkt weicht einem hippen mehrgeschossigem Neubau mit Kaffeehauskultur, die ob der Mieten nur funktionieren kann, wenn Leute mit mehr Geld sich im Quartier breitmachen. All diese Zusammenhänge erwähnt der Film nicht, man sieht nur in einzelnen Beobachtungen die Veränderung, vom neben dem Eingang des Supermarkts für die Kunden grillendem türkischen Mitarbeiter bis zu den vorm Kiez Kaffee Kraft für Social-Media posierenden Jung-Gastronomen.
[sehenswert****]

WACKEN – HEARTS FULL OF METAL [Musikfilm, Festivalgeschichte]

Deutschland 2026 , Cordula Kablitz-Post, 87 Min., OmeU

©DOK.fest München, Wacken

Still aus »WACKEN – HEARTS FULL OF METAL«.

Wacken, vielleicht muss man das doch noch erklären, ist eine 2100-Einwohner-Gemeinde in Norddeutschland. 1989 hatten zwei junge Wackener, Rock- und Metal-Musikfans, die Idee eine mehrtägige Party mit Campingmöglichkeit in einer Kiesgrube zu veranstalten, zu deren erster Ausgabe 800 Leute kamen. Lange war es ein Geheimtipp und nach fünf Jahren überschritt die Besucherzahl die 5000. Inzwischen ist das Unternehmen ein Industriebetrieb mit 85.000 verkauften Karten, die innerhalb weniger Stunden vergriffen sind.

Der Film erzählt die Geschichte der beiden Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen und ihre Freundschaft. Das Filmintro kann es sich nicht verkneifen, eine visuelle Leistungsshow des Events zu präsentieren, die mit Selbstinszenierungen à la Burning Man und Gigantismus prahlt, Teaser-Elemente, die mit Dokumentarfilm nichts zu tun haben. Dann wird in einem Countdown vom 10. Tag vor dem Beginn der Ausgabe 2024 die Geschichte der Gründer und des Festivals erzählt, mit Ausschnitten von Musik-Acts von Skyline, Saxon, Doro Pesch, Motörhead, Iron Maiden, Gene Simmons (Kiss), Scorpions und auch den Guns ’n Roses. Es sind auffallend viele ältere Damen und Herren, die sich da auf der Bühne präsentieren, immerhin vor vielen jungen Fans. Bild- und Kameratechnisch fußt das Werk auf einer für diese Mega-Events inzwischen üblichen Materialschlacht.
[sehenswert**]

INTELLIGENCE RISING [AGI, Blick in die Zukunft, Simulationsspiel]

UK 2026, Elena Andreicheva, 75 Min., englOF

Die meisten Experten sind sich hinsichtlich der technischen Neuerungen von AI und AGI einig: Diesmal ist es anders und mit keiner vorausgegangenen technischen Neuerung vergleichbar.

©DOK.fest München, Intelligence Rising

Still aus »INTELLIGENCE RISING«.

Der britische KI-Unternehmer Marc Warner bekommt einen Sohn, und weil das Kind ein medizinischer Problemfall ist, verbringt er viel Zeit im Hospital und kommt zum Nachdenken über KI und die Zukunft des Kindes. Die KI-Entwicklung ist ähnlich wie die Lernfortschritte eines Kleinkinds. Resultat aller Überlegungen ist ein Wargame, eine Strategie-Simulation von Experten in den Rollen der Staatspositionen USA, China, EU, Großbritannien und den Interessenpositionen des Tech Sektors und der Globalen Stimmen. Verschiedene vorgegebene Szenarien werden durchgespielt: Eine Pandemie in Afrika, ein Cyberangriff auf Italien, der Verlust von ¼ aller Jobs und die Frage, ob man die Super AI aus der Flasche lassen soll, beziehungsweise, wie man sie kontrollieren oder beschränken kann. Die Simulation fand 2024 statt und viele Vorhersagen aus dem Spiel haben sich inzwischen bestätigt. Inhaltlich ist das Stück hochbrisant, filmisch aber durch die Vorgaben so prickelnd wie eine Studiodiskussion im Fernsehen.
[sehenswert**]

MEANWHILE IN NAMIBIA [Deutsch-Süd-West Afrika, Kolonialismus, Tourismus]

Deutschland, Namibia, 2026, Jonas Spriestersbach, 115 Min., OmeU

©DOK.fest München, Meanwhile in Namibia

Still aus »MEANWHILE IN NAMIBIA«.

Der Film beginnt mit einer Rentner-Touristenreise nach Lüderitz und endet im ehemaligen Shark-Island-Konzentrationslager auf der vorgelagerten Halbinsel, in dem Aufständische von der Deutschen Schutztruppe ermordet wurden. Dazwischen wird über Schuld und Sühne diskutiert und eine Art Entschädigung als Gemeinschaftsprojekt mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) initiiert. Aber Geld fließt an die Projekt Supervisor, und die teilnehmende Bevölkerung bleibt auf sich gestellt. In Lebenden Museen sollen die Einheimischen Stämme nach Fotos der Kolonialtruppen ihr ehemaliges Leben rekonstruieren und Touristen vorspielen, ein Leben, zu dem sie keine wirkliche Verbindung haben und das den Besuchern nur die vermutete Rückständigkeit bestätigt.

Teilweise fühlt man sich an den Film-Klassiker Cannibal Tours 1988 erinnert. In durchweg gut kadrierten Bildern führt der Filmemacher durch sein Thema, aber weil der Aufbau der lebenden Museen dann doch über mehrere Jahre intensiv begleitet wird, während andere Aspekte nur am Rande gestreift werden, verliert sich diese Filmerzählung mit Überlänge thematisch immer wieder.
[sehenswert****]

Seite 1: Eckdaten und Tendenzen
Seite 2: Filmbeschreibungen
Seite 3: Filmbeschreibungen
Seite 4: Filmbeschreibungen

Autor: Hans-Albrecht Lusznat

Bildrechte: Dokfest München

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