Kamera, Test, Top-Story: 24.07.2013

Praxistest KineRaw S35: Rohkost aus China

Der chinesische Kamerahersteller Kinefinity präsentiert mit der KineRaw S35 eine digitale SLS-Kamera, die mit einem Super-35-Sensor in CMOS-Ausführung ausgerüstet ist und Raw-Daten aufzeichnet. film-tv-video.de hat die Kamera ausprobiert und praktische Aspekte beleuchtet.

Von der Größe her entspricht die KineRaw S35 ungefähr einer Alexa von Arri — vom Preis her nicht. Der Preis dürfte zunächst auch eines der Hauptargumente sein, aus denen heraus sich Anwender für die chinesische Kamera interessieren. Dabei ist die KineRaw S35 aber gar nicht die preisgünstigste SLS-Kamera mit S35-Sensor und Onboard-Raw-Aufzeichnung im Markt: Im Juli 2013 will nämlich Blackmagic nach aktuellen Angaben mit der Auslieferung seiner Blackmagic Production Camera 4K beginnen — und die soll zum Endkundenpreis von 3.775 Euro verkauft werden. Da mutet der Netto-Listenpreis für die KineRaw S35 zunächst mal gar nicht mehr so günstig an, der sich je nach Ausstattung und Paket zwischen 5.600 und 7.700 Euro bewegt. Mindestens 44.900 Euro beträgt hingegen der Netto-Listenpreis für den Einstieg in die S35-Raw-Welt mit der Alexa von Arri (Infos).

Aber vielleicht gibt es ja auch ganz andere Gründe, die für die KineRaw S35 sprechen? Das wollte film-tv-video.de herausfinden und hat die Kamera ausprobiert. Das Rental-Unternehmen FGV Schmidle unterstützte die Redaktion dabei unter anderem im Objektivbereich.

Eine Kamera aus China?

Chinesische Produkte sind im Film- und TV-Bereich schon längst nicht mehr wegzudenken: Akkus, Stative, Rigs, Monitore oder Sucher, die zumindest aus chinesischer Fertigung stammen und eben in wachsendem Maß auch direkt von chinesischen Herstellern angeboten werden, sind in der Branche allgegenwärtig. Aufmerksame Messe-Besucher wissen, dass die Stände der Zubehörhersteller aus dem asiatischen Raum bei den großen Messen Jahr um Jahr wachsen und nicht nur der chinesische Gemeinschaftsstand beständig größer wird, sondern die chinesischen Anbieter auch zunehmend eigene, größere Stände buchen, also auch in puncto Vermarktung zulegen.

Mit der KineRaw S35 gibt es nun eben auch eine chinesische SLS-Raw-Kamera, die sich ihren Markt erobern will. Von Design, grundlegender Bedienung und Ausstattung, erinnert die Kamera teilweise an eine Red Epic (NAB2013-Infos), teilweise an eine Sony F5/F55 (Test) und ganz klar eben auch an die Alexa von Arri (Infos).

Bauform, Body, Bedienelemente

Eine Schönheit mit filigranen Details ist der Body der KineRaw S35 nicht: Das blockartige Gehäuse wirkt aber dafür auf den ersten Blick recht stabil und robust — was sich bis auf einige Details auch bewahrheitet. Rund 7 kg wiegt die Kamera, wenn man sie, wie auf den Fotos zu sehen, mit ein wenig Zubehör wie Griff, Deckel- und Grundplatte, Rohren und einer 28-mm-Festbrennweite aus der CP.2-Baureihe von Zeiss ausstattet. Damit ist sie nicht ganz leicht, was ebenfalls für eine gewisse Robustheit spricht und vielen Kameraleuten recht sein wird, die lieber eine etwas schwerere Kamera benutzen, wenn sie etwa aus der Hand drehen.

Was hingegen viele Anwender stören dürfte, ist die Tatsache, dass der Kamera-Body in einigen Details etwas lieblos, inkonsequent und auch nicht wirklich durchdacht gefertigt ist: Alles, was Geld kostet und nicht unmittelbar für die Funktion des Geräts erforderlich ist, stand offenbar bei der Konstruktion der Kamera auf dem Prüfstand — und wurde des öfteren auch eingespart.

Da gibt es etwa etliche Kanten, die ruhig besser abgerundet sein könnten und man fragt sich auch, weshalb an dem grundsätzlich durchaus robusten Body der obere Deckel, unter dem die SSD-Slots liegen, nur aus einem dünnen, windigen Blech besteht. Da muss in jedem Fall Zubehör her, um dieses Manko auszugleichen und eine höhere Stabilität und Robustheit in diesem Bereich zu erreichen. Im Test war die Kamera mit Zubehör von Movcam bestückt.

Die meisten Bedienelemente und das Display haben die Entwickler auf der linken Seite der Kamera untergebracht, ein paar wenige Tasten finden sich auf der Rückseite. Diese Anordnung erinnert an Broadcast-Schultercamcorder und hat sich bewährt, wenn man alleine an der Kamera arbeitet. Wenn allerdings, wie bei szenischen Produktionen üblich, mehrere Menschen gemeinsam an der Kamera arbeiten und neben dem eigentlichen Operator auch noch ein Assistent und/oder ein DIT Zugriff, Infos und Sicht auf Kameraparameter brauchen, ist das nicht die optimale Anordnung.

Einen recht positiven Eindruck hinterließ das Hauptbedienelement der Kamera: ein stabiler, großer Drehknopf, der neben dem Display angeordnet ist. Der bietet einen angenehmen, klaren Druckpunkt und erlaubt das schnelle und präzise Navigieren in den Einstellmenüs und die rasche und exakte Auswahl und Einstellung der einzelnen Parameter.

Das Ablesen des Menüs auf dem Displays hingegen ist nicht ganz so komfortabel. Zum einen ist der Blickwinkel, aus dem man das Display gut ablesen kann, ziemlich schmal. Erschwert wird das Lesen der Menüpunkte auch durch die dünne, kontrastschwache Display-Schrift, deren fransiges Schriftbild an die Anfänge des Computerzeitalters erinnert.

Über die um das Display herum angeordneten Tasten auf der linken Gehäuseseite, lassen sich unter anderem Shutter, Framerate, Farbtemperatur, ISO, Aufnahmemodus und Look direkt einstellen. Die Tasten fallen allerdings gegenüber dem Bedienrad deutlich ab, was Ergonomie und Bedienbarkeit betrifft: Sie sind schwammig, soft und haben keinen klaren Druckpunkt.

Insgesamt kann man sich mit den genannten Downsides der Hardware-Konstruktion aber zweifellos arrangieren, es gibt nichts, was man als vollkommen inakzeptabel brandmarken müsste — jedoch einiges, was verbesserungsfähig ist. Wichtig ist hingegen: Das Gehäuse ist verwindungssteif und der Mount massiv und stabil ausgeführt.

Grundlegende Bedienung

Für die wichtigsten Funktionen gibt es fest zugewiesene Tasten, die dann den jeweiligen Parameter aufrufen. Außerdem stehen User-Tasten zur Verfügung, Ansonsten wird die Kamera, wie üblich, über einen Menübaum bedient. Das geht recht einfach und direkt, die Menügestaltung und -einteilung ist bis auf ein paar wenige Kleinigkeiten auch leicht nachvollziehbar. Das schon erwähnte, große, stabile Bedienrad unterstützt die Menübedienung wirkungsvoll und macht das Navigieren und Einstellen leicht.

Noch leichter und angenehmer fällt die Menübedienung, wenn man dafür nicht auf das Geräte-Display angewiesen ist, sondern ein externer Monitor über die frontseitige HDMI-Buchse angeschlossen wird. Auf dem angeschlossenen Display stehen dann auf Wunsch auch Mess- und Monitoringfunktionen zur Verfügung (Histogramm, etc.) und die Menüführung wird in modernerem Design und wesentlich besser ablesbar eingeblendet.

Sind alle Parameter eingestellt, kann man die Kamera per »Lock«-Taste verriegeln — diese Taste ist in jedem Fall sinnvoll, denn sie verhindert, dass man ungewollt während des Drehs eine der Einstellungen verändert.

Buchsen

Ein HDMI-Suchermonitor lässt sich über die frontseitige HDMI-Buchse anschließen. Deren Position knapp oberhalb des Objektiv-Mounts ist nicht unbedingt optimal gewählt, weil hier abgehende Kabel die Montage und den Betrieb von Objektivzubehör behindern können. Mit einem abgewinkelten HDMI-Stecker lässt sich das Kabel zwar nach oben wegleiten, aber schon der Stecker selbst kann an dieser Position stören.

Die meisten anderen Buchsen an der getesteten Kamera wurden im Test nicht genutzt. Das lag teilweise auch daran, dass es sich überwiegend um Hirose-Buchsen handelte, deren Beschaltung unklar blieb. Das kann bei späteren oder anders ausgestatteten Versionen der Kamera anders sein, so wie etwa auch 3G-SDI-Buchsen optional sind und extra kosten.

Vorhanden waren in der getesteten Version: Kopfhörer-Miniklinke, 2 x USB, 2 x SDI (BNC), Sync (7-Pol-Hirose), Timecode (5-Pol-Hirose) und Gleichstromeingang (4-Pol-XLR) auf der Rückseite. 2 x XLR-Audio und eine HF-Antennenbuchse auf der rechten Geräteseite. Misc (8-Pol-Hirose), HDMI und Viewfinder (16-Pol-Hirose) an der Gerätefront.

Alle Ausgangsbuchsen, die Bildsignale bereitstellen, geben 8-Bit-Sgnale ab — auch wenn die Kamera intern eine höhere Quantisierung bietet.

Die Sync-Buchse dient dazu, für Stereo-3D-Aufnahmen zwei KineRaw-Kameras synchronisieren zu können. Die Misc-Buchse hat die Aufgabe, den für die Kamera verfügbaren, aktiven EF-Mount elektrisch anschließen zu können. Im Test stand dieser aktive EF-Mount nicht zur Verfügung, weshalb die Funktionalität der Kamera mit entsprechenden Objektiven im Test nicht ausprobiert wurde.

Eine Buchse, um etwa Zubehör wie Schärfenziehmotoren aus dem Kameraakku zu speisen, bietet die KineRaw S35 leider nicht.

Spannungsversorgung

Die KineRaw S35 hatte im Test eine gemessene Leistungsaufnahme im Bereich von 40 bis 50 W. Das ist mehr, als in der Bedienungsanleitung angegeben, aber im Vergleich zu anderen S35-Digitalkameras liegt die KineRaw S35 damit im Normalbereich. Die Spannungsversorgung erfolgt über eine vierpolige XLR-Buche aus einem Netzgerät oder aus separaten Akkus: Die Kamera selbst hat keinen direkten Akku-Anschluss.

Kamerastart

Wenn man die Kamera startet, muss man etwas Geduld mitbringen, denn der Boot-Vorgang des Linux-Betriebssystems der Kamera braucht seine Zeit und lief im Test auch nicht immer gleich schnell ab: Langsamer als bei einer Epic verlief der Start bei der KineRaw S35 im Test aber auch nicht.

Läuft die Kamera, ist sie aufgrund des Lüftergeräuschs vergleichsweise laut: Die KineRaw S35 ist bis dato die lauteste Kamera, die film-tv-video.de getestet hat. Im Unterschied etwa zur ebenfalls nicht leisen Red Epic, lässt sich der Lüfter der KineRaw auch nicht so einstellen, dass er während der eigentlichen Aufzeichnung langsamer laufen würde oder abgeschaltet wäre.

Optikfassung

Der Kamerabody ist mit dem »Kinemount« ausgerüstet. An diesem Stahlmount wiederum finden drei Adapter für PL-, EF- und F-Fassungen Anschluss. Der PL-Mount-Adapter ist vergleichsweise schwer, aber auch stabil ausgeführt. Beim EF- und auch beim F-Mount muss man beachten, dass hier die elektronische Blendensteuerung nicht funktioniert – de facto kann man in diesem Fall also nur mit Optiken mit manueller Blendeneinstellung arbeiten. Optional ist aber der schon erwähnte, aktive EF-Mount verfügbar, der dann über die Misc-Buchse eine elektrische Verbindung zwischen Kamera und Objektiv herstellt.

Supportsystem

Für die Kineraw gibt es ein passendes Movcam-Support-System, das aus einer Basisplatte und einem Haltegriff mit diversen 1/4- und 1/8-Zoll-Gewinden und verschiebbaren 15-mm-Stangen besteht.

Aufzeichnung, Speichermedien

Der Sensor der Kamera bietet laut Hersteller eine Auflösung von 4K, doch aktuell kann die Kamera diese Sensorauflösung nicht aufzeichnen: Vor der Speicherung werden also die 4K des Sensors auf 2K down-konvertiert. Die interne Verarbeitung erfolgt in 12-Bit-Quantisierung, an den Buchsen stehen aber ausschließlich 8-Bit-Signale zur Verfügung, so dass man nur über die interne Aufzeichnung auf SSDs in den Genuss der höherwertigen 12-Bit-Signalverarbeitung kommt.

In der Aufzeichnung gibt es aktuell die Möglichkeit, in 2K-Raw (2.048 x 1.080) mit maximal 25 fps oder in HD (1.920 x 1.080, 30 fps oder 1.280 x 720, 60 fps) aufzuzeichnen. Ein leider erst nach Abschluss des Tests verfügbar gewordenes Firmware-Update steigert die maximale Bildrate im 720p-Modus auf 100 fps. (Dieses Update soll neben der höheren Framerate auch Audio-Playback sowie eine Statusanzeige des Akkus im Display ermöglichen.)

Eine weitere Besonderheit gibt es im 720p-HD-Modus: Hier hat man die Wahl, entweder nur 2/3 der Sensorfläche für die Aufzeichnung zu nutzen (Modus »1280 x 720«). Dann sind maximal 50 fps möglich und die Brennweite der verwendeten Objektive verlängert sich wegen des kleineren genutzten Bildfensters. Die zweite Möglichkeit besteht darin, im Modus »1280x720C« zu arbeiten. Dann wird die gesamte Sensorfläche für die Aufzeichnung genutzt und beim getesteten Kameramodell und Software-Stand waren höhere Bildraten verfügbar als im anderen 720p-Modus. In »720C« wird das vom Sensor ausgelesene Bild aber vor der Aufzeichnung down-konvertiert/skaliert, wodurch leichte Qualitätsverluste eintreten.

Als Aufzeichnungsmedium nutzt die KineRaw-Kamera SSD-Speichermedien, die der Hersteller als Kinemags mit Kapazitäten bis zu 256 GB anbietet. Zwei SSD-Slots nehmen die Kinemags auf. Für die Aufzeichnung können neben den Kinemags auch gängige andere SSDs genutzt werden, sie sollten aber eine Datenrate von 100 MB/s schaffen.

Eine Besonderheit muss man beim Einlegen der SSDs berücksichtigen: Erst wann man die SSDs eingeschoben hat und die Klappe hinter der SSD komplett eingerastet ist, sitzen die SSDs fest im Slot, haben Kontakt und können (nach der Aktivierung im Menü) genutzt werden. Soweit, so gut. Schade ist aber, dass die Plastikkläppchen der Slots im Unterschied zur restlichen Kamera keinen sehr robusten Eindruck hinterlassen. Werden sie nicht sorgfältig behandelt, was bei Dreharbeiten leider nicht immer zu gewährleisten ist, muss man befürchten, dass dieser Klappmechanismus Schaden nehmen könnte. Praxisnäher und vertrauenerweckender finden die Tester da die Lösungen, die Arri und Red für das Einlegen und Fixieren ihrer jeweiligen SSDs gefunden haben.

Die unterbrechungsfreie, kontinuierliche Aufzeichnung auf beide SSDs ist übrigens nicht möglich, es lässt sich immer nur eine SSD nutzen, die hierfür vor der Aufzeichnung im Menü »aktiviert« werden muss.

Raw-Aufzeichnung

Die KineRaw S35 kann wahlweise unkomprimiertes Raw-Material in Form von Cinema-DNG-Files (True Raw) oder aber komprimiertes Raw-Material im Cineform-Codec (Cineform Raw) aufzeichnen – jeweils in 12 Bit. Auch einen Dual-Raw-Recording-Modus bietet die Kamera: dann zeichnet die KineRaw parallel DNG- und Cineform-Files auf.

Integrierte LUTs

Raw-Bilder müssen, das liegt sozusagen in der Natur der Sache, erst dekodiert werden, wenn man sie auf einem Monitor ansehen will. Hier bietet die KineRaw die komfortable Möglichkeit, auf den Monitorausgang eine LUT zu legen, sodass man schon beim Dreh in Echtzeit ein entsprechend korrigiertes Signal direkt am Set sehen kann. Dabei fiel im Test auf, dass die Kamera immer ein 60-Hz-Monitorsignal ausgibt, auch wenn sie etwa im 25-fps-Modus betrieben wird.

Weiter kann die KineRaw S35 mit den Raw-Daten auch die jeweils entsprechenden LUTs speichern — in diesem Fall speichert man also gewissermaßen die Anleitung mit, wie die Raw-Daten ausgelesen werden sollen. Es stehen die Modi KineLog, KineColor und Kine709 zur Verfügung.

Die KineLog-LUT orientiert sich laut Kinefinity an Kodaks Cineon Log Film-Density-Kurve. Material, das damit aufgezeichnet wurde, lässt sich demnach direkt in Workflows einbinden, die auf klassische Scan-Workflows ausgerichtet sind.

Kine709 orientiert sich im Unterschied dazu an TV- und Broadcast-Signalen und hält die ITU-601-Limits ein. Wenn die Belichtung korrekt eingestellt wurde, erfordert dieses Material zunächst kein Grading, wenn man mit dem typischen »Video-Look« zufrieden ist.

KineColor wiederum bietet laut Hersteller einen größeren Farbraum und einen etwas geringeren Kontrast als Kine709. Auch dieses Material lässt sich letztlich ohne detailliertes, individuelles Grading schon direkt nutzen, bietet aber genügend Reserven, wenn es aus gestalterischer Sicht doch erwünscht ist, den Look nachträglich deutlich zu ändern.

ISO-/EI-Modus

Die Kamera lässt sich zum einen im ISO-Modus betreiben. Die Grundeinstellung liegt dann bei ISO 800. Ändert man die ISO-Einstellung ändert man damit die Empfindlichkeit des Sensors, man verstärkt also das Signal und damit auch dessen unerwünschte Rauschanteile. So funktioniert die Gain-Einstellung bei praktisch allen Kameras, ob man nun von einer Signalverstärkung um einen bestimmten Dezibelwert spricht, oder von der ISO-Empfindlichkeit.

Bei der KineRaw ist es aber, wie etwa auch bei der Alexa von Arri, auch möglich, im EI-Modus zu arbeiten. EI steht für Exposure Index und lässt sich vielleicht am einfachsten als Verschiebung des Dynamikumfangs beschreiben. Wenn man damit die Kamera an die jeweilige Drehsituation anpasst und eben den Dynamikbereich in die Richtung Schwarz oder in Richtung Highlights verschiebt, nutzt man die Fähigkeiten des Sensors optimal aus. Bei klassischen Videokameras wird das per Knie, Black-Stretch oder –Compress und per Dynamic Range Stretch bewerkstelligt. So erreicht man bei gleicher Empfindlichkeit in dunkleren Szenerien mehr Durchzeichnung in den dunklen Bildbereichen und in hellen Umgebungen mehr Detailwiedergabe und Durchzeichnung in den hellen Bildbereichen. Man nutzt also bei gleicher Empfindlichkeit der Kamera den zur Verfügung stehenden Dynamikumfang jeweils optimal aus.

Audio

Die Kineraw S35 ist mit zwei XLR-Line-Eingängen ausgerüstet. 48-V-Phantomspeisung für ein Mikro ist nicht vorgesehen, manuelles Pegeln des Tons an der Kamera ebenfalls nicht. Hier orientiert sich die KineRaw offenbar an klassischen Film-Workflows, bei denen die Tonaufzeichnung meist mit zusätzlichem Audio-Equipment am Set oder zumindest über einen separaten Mischer realisiert wird.

Extras

Ein Wifi-Modul, über das sich die Kamera per Smartphone oder Tablet fernsteuern lässt, bietet der Hersteller für rund 250 Euro an. Im Test wurde dieses Modul allerdings nicht genutzt. Weiter gibt es optional auch Dual-SDI-Outputs, die für rund 400 Euro verfügbar sind.

Bild

Der S35-Sensor der KineRaw ermöglicht sehr schöne, filmische Bilder, die in den besten Momenten durchaus in Richtung der Alexa oder anderer hochwertiger SLS-Kameras gehen. Die Bilder einer F55 etwa muten einen Tick knackiger und schärfer an, aber die Sensorauflösung und die Bildqualität der KineRaw S35 spielen in der gleichen Liga.

Die sauberen, klaren Bilder der KineRaw konnten insgesamt im Test durchaus überzeugen, eine hohe Auflösung bei nicht künstlich oder übertrieben wirkender, sondern natürlicher Bildschärfe, empfanden die Tester als sehr angenehm. Die Kamera bietet in puncto Bildqualität deutlich mehr, als man in ihrer Preisregion bisher erwarten konnte, sie überraschte die Tester unter diesem Aspekt positiv und kommt teilweise durchaus an die teureren Konkurrenten heran — aber nicht durchgängig.

Der hohe Dynamikumfang ermöglicht fein abgestufte Bilder und lässt Raum für die spätere Bearbeitung — vor allem, wenn man tendenziell einen Tick dunkler belichtet. Der Hersteller gibt 13 Blenden Dynamikumfang an, was die Tester etwas optimistisch finden, in der Realität steht weniger zur Verfügung — aber immer noch eine sehr beeindruckende Spanne.

Die insgesamt schon ziemlich überzeugenden Bilder können mit Farbkorrektursystemen noch weiter angepasst und individuell optimiert werden.

Als problematisch könnte sich im einen oder anderen Fall eventuell erweisen, dass der Sensor der KineRaw S35 auch im Infrarotbereich sehr empfänglich ist: Auch für das menschliche Auge unsichtbare Infrarotstrahlung generiert auf dem Sensor einen Helligkeitseindruck. Das kann Unschärfen im Bild und Fehlbelichtungen zur Folge haben. In einem gewissen Maß ist das bei praktisch jedem Sensor und jeder Kamera der Fall, aber die Maßnahmen, die von der Herstellerseite ergriffen werden, um das in den Griff zu bekommen, sind sehr unterschiedlich. So baut etwa Arri in die jüngste Version der Alexa nun einen nochmals deutlich verbesserten Infrarotfilter ein und vergrößert damit in diesem Aspekt noch einmal den Abstand zu Konkurrenz. Hier kann die KineRaw S35 definitiv nicht mit der Alexa und auch nicht mit anderen digitalen Kameras mithalten: Es sind halt oft die Feinheiten, die den Hersteller viel Mühe und Geld kosten, in denen dann die Unterschiede liegen.

Alles in allem konnte die Kamera aus China im Bild-Kurztest aber in den meisten Aspekten durchaus überzeugen und sorgte für positive Überraschung bei den Testern.

Vorgeschlagene Workflows

Kinefinity schlägt für die Nachbearbeitung des Materials diverse Workflows vor:

Beim Cinema-DNG-Workflow empfiehlt der Hersteller, vom Original-Material zunächst mit der Software Resolve 9 (Test) von Blackmagic Design Proxies zu erstellen, dieses niedriger aufgelöste Material dann ins jeweilige Schnittsystem zu importieren und am Ende der Bearbeitung den Schnitt in High-Res unter Einsatz von  Resolve 9 zu conformen.

Im nächsten Schritt könnte mit dem Material dann ein Grading erfolgen. Auch diesen Schritt zeigt der Hersteller exemplarisch anhand des Einsatzes von Resolve.

Für die Arbeit mit Cineform-Raw-Material muss der Anwender zunächst den Cineform-Raw-Codec auf seinen Rechner laden und installieren. Das Cineform-Material ist von der Dateigröße her etwas kleiner als das DNG-Material, die Mov-Files lassen sich direkt mit diversen gängigen Schnittsystemen bearbeiten. Das ist komfortabel und geht schnell. In einem weiteren Schritt kann dann wahlweise auch noch das HDR-Color-Grading erfolgen.

Für welchen Workflow man sich entscheidet, hängt sicher vom jeweiligen Projekt ab  — eines aber ist sicher: Die Arbeit mit den Raw-Daten erfordert ein leistungsfähiges, gut ausgestattetes Nachbearbeitungssystem — und vor allem auch einige Einarbeitungszeit, wenn auch ein ordentliches Grading stattfinden soll: Mit Raw-Kameras nimmt man eben letztlich nur Rohmaterial auf …

Der deutsche Vertrieb von Kinefinity stellt in diesem Video den Cinema-DNG-Workflow mit der KineRaw S35 vor.
Der deutsche Vertrieb von Kinefinity stellt in diesem Video den Cinema-DNG-Workflow mit der KineRaw S35 vor.
Der deutsche Vertrieb von Kinefinity stellt in diesem Video den Cinema-DNG-Workflow mit der KineRaw S35 vor.
Fazit

Die Kineraw S35 ist keine Alexa und auch keine F5/F55, aber sie ist auch nicht einfach eine billige China-Kamera, deren Hersteller Kinefinity genauso schnell wieder verschwinden wird, wie er aufgetaucht ist. Dazu sind die Bilder, die man mit dieser Kamera aufnehmen kann, viel zu gut.

Wer sich für die Kamera entscheidet, muss allerdings etliche Kompromisse im Handling akzeptieren. Mit der Ergonomie, Haptik und Robustheit einer Alexa oder einer Red Epic kann die KineRaw S35 nicht mithalten. Die Kamera ist daher viel eher ein Produkt, dessen Nutzer Kompromisse beim Handling eingehen können und wollen, wie das etwa bei Indiefilmern oft der Fall ist. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Rohkost kann sehr lecker sein, ist aber eben kein raffiniertes Haute-Cuisine-Menü.

Die Kamera wird wahrscheinlich weniger im Rental-Bereich aufschlagen, sondern eher eine »Owner«-Kamera werden, die man als Anwender kauft, wenn man ein spezielles, konkretes Projekt im Auge hat, das damit realisiert werden soll — und bei dem der Support und die Möglichkeit zum raschen Austausch oder zu einer Blitzreparatur der Kamera im Fall der Fälle, vielleicht auch nicht die höchste Priorität haben.

Allerdings muss sich die Kamera auch anderer Konkurrenz stellen: Eine Canon 5D Mark III liefert Bilder einer ähnlichen Klasse, sie ist kompakter, robuster, ausgereifter und man hat Zugriff auf ein weltweites Support- und Händlernetz. Zudem gibt es auch im DSLR-Segment mittlerweile gutes und professionelles Zubehör sowie bewährte Workflows. Ein anderer Konkurrent für die KineRaw S35 ist die noch einmal deutlich kostengünstigere Blackmagic Production Camera 4K, sobald diese tatsächlich verfügbar wird.

Die KineRaw S35 ist laut deutschem Vertrieb verfügbar, in China sollen schon rund 200 Einheiten im Markt sein. In Deutschland kann die Lieferung demnach derzeit rund drei Wochen nach Zahlungseingang erfolgen.

Dass die Entwicklung nahezu ungebremst weitergeht, kann man auch bei Kinefinity selbst sehen: Schon arbeitet der chinesische Hersteller an einer kompakteren, kleineren S35-Digitalkamera.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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