Branche, Grading, HDR, Postproduction, Veranstaltung: 28.02.2017

UHD/4K und HDR: Auch im Berlinale-Umfeld ein Thema

Verschiedene Veranstaltungen im Umfeld der Berlinale befassten sich mit den Themengebieten 4K/UHD und HDR, sowie weiteren Maßnahmen für mehr Bildqualität auf der Kinoleinwand und dem Fernsehschirm.

Verschiedene Unternehmen waren im Umfeld der Berlinale mit Veranstaltungen aktiv, um den Themenkomplex aus 4K/UHD, HDR, Raw und HFR zu beleuchten.

Die Themen und die Meinungen gehen hier derzeit oft wild durcheinander, so werden unterschiedliche Aspekte aus Produktion und Distribution in den gleichen Topf geworfen und vermischt. Peter Dehn war für film-tv-video.de während der Berlinale unterwegs, fasst im folgenden seine Eindrücke zusammen und schlägt im Artikel die Brücke zwischen Produktion und Distribution, sowie Kino und Fernsehen.

Canon und Codex bei Pirates‘n Paradise

Berlinale, C700, Canon, HDR
Canon stellte im Berlinale-Umfeld seine neue S35-CMOS-Kamera EOS C700 vor.

In der Berliner Niederlassung des auf Werbung spezialisierten Postproduktionshauses Pirates‘n Paradise am Hackeschen Markt präsentierte Arne Stadler von Canon die neue S35-CMOS-Kamera EOS C700. Mit dieser Kamera will Canon letztlich Marktanteile von Arri, Sony und Red erobern. Die Kamera bringt einen Dynamikumfang von 14 Blenden mit und schafft 120 fps in 4K, die als Raw-Dateien aufgezeichnet werden können. Die Kamera ist mit EF- oder PL-Mount lieferbar. Auch eine separate PL-Variante mit Global Shutter oder der spätere Austausch des Rolling-Shutter-Sensors wird angeboten.

Berlinale, C700, Canon, Kühn, HDR
Kameramann Christian Kühn bei Pirates’n Paradise in Berlin.

Kameramann Christian Kühn machte deutlich, dass man die Beleuchtung entsprechend abstimmen muss, wenn man die Fähigkeiten der Kamera ausnutzen und hochwertige Bilddaten drehen will. Seine Testaufnahmen illustrierten bei der Demo, wie der hohe Dynamikumfang der C700 hilft, höchste Bildqualität und erweiterten Bearbeitungsspielraum in die Post mitzunehmen.

Berlinale, C700, Canon, Codex, HDR
Mit angedocktem Codex-Recorder kann die C700 Raw-Daten aufnehmen.

Die 12-Bit-Bilddaten müssen aus Sicht der anwesenden Experten im Raw-Format gespeichert werden. Das kann die EOS C700, wenn ein Codex Capture Drive 2.0 an die Kamera angedockt wird. Mit 1 oder 2 TB Speicherkapazität auf CFast 2.0 Cards, stehen dabei praktikable Mediengrößen zur Verfügung, so Jürgen Kantenwein von Codex.

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Jürgen Kantenwein von Codex präsentierte den HDR-Workflow von Codex.

Er verwies auf weitere Codex-Produkte, die den Workflow auch nach dem Dreh einfach und flexibel gestalten. So gibt es etwa für die Datensicherung und das Daten-Handling diverse Lösungen, die verschiedene Speichermodule und LTO-Laufwerke integrieren. Beim Transfer werden auch die kompletten Metadaten aus der Kamera übernommen und bleiben erhalten. Visualisieren — auch für ein Pre-Grading am Set — lässt sich die aufgezeichnete Bildqualität an einem HDR-Referenzmonitor, wie er etwa von Canon angeboten wird.

Solche Monitore müssen neben der Wiedergabe des BT.2020-Farbraums eine Leuchtdichte von mindestens 1.000 Nits aufweisen um als Referenz tauglich zu sein. Zum Vergleich: Bisher übliche SDR-Monitore weisen 150 Nits.

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Berkan Ustalar von Pirates‘n Paradise ergänzte in seinem Teil der Präsentation das Gesamtbild um die Sicht eines Coloristen.

Berkan Ustalar von Pirates‘n Paradise ergänzte in seinem Teil der Präsentation das Gesamtbild um die Sicht eines Coloristen auf den konsequenten Umgang mit den Bilddaten. Der Referenzmonitor von Canon zeigte dabei deutlich, was aus den von Christian Kühn gedrehten Testbildern an Kontrast und Farbe beim Color Grading herausgeholt werden kann — auch bei komplizierten Einstellungen, etwa, wenn sich ein Gesicht zum Teil im Schatten, zum Teil im Licht befindet und der Kopf sich in dieser Situation bewegt.

Ymagis im Berliner Eiszeit-Kino 

Was in HDR gedreht und postproduziert wurde, soll natürlich auch in HDR gezeigt werden. Mit diesem Aspekt befasste sich die Präsentation des Kinotechnik-Ausstatters Ymagis im Berliner Eiszeit-Kino.

Logo EclairColor, HDR
EclairColor ist eine der Alternativen, die für HDR im Kino zur Verfügung stehen.

Dabei kann HDR über ein bloßes Mehr an Helligkeit oder sattere Schwärzen auf der Leinwand deutlich hinausweisen: Es werden eben nicht nur die Grenzlinien verschoben, sondern es können eben zwischen diesen Grenzlinien sehr viel feiner abgestufte Bilder dargestellt werden — mehr Details, mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Die neu gewonnene Leuchtkraft poliert sozusagen farbtrübe Pixel auf, die subjektiv empfundene Schärfenwirkung wird erhöht, der räumliche Eindruck verstärkt. Das alles muss aber im Grading gezielt herausgeholt und passend angelegt werden.

Allerdings: Ein recht heller Hintergrund, wie bei einigen von Ymagis gezeigten Beispielen, könnte das Auge vom inhaltlichen Bildschwerpunkt auf das vergleichsweise gleißende Drumherum lenken. Grading bleibt also weiter ein künstlerischer Arbeitsschritt.

Die Franzosen machen sich die ungeklärte Standard-Frage zunutze, um für ihr EclairColor-Konzept einen Markt aufzubauen. Das erfordert keine Änderungen am Set. Der Eingriff ins gedrehte Material geschieht erst in der Post und wird an das Abspiel weitergereicht. Von daher könnten auch ältere Titel entsprechend einem Remastering unterzogen werden. Ymagis setzt also darauf, aus Vorhandenem Besseres herauszukitzeln als bisher.

Eine eigens entwickelte Gammakurve sorgt als Kern des Ganzen für die Erweiterung des Kontrastes und des Farbspektrums. Diese einfache Lösung kommt als Software-Upgrade in die Kinos und behindert den Spielbetrieb mit Standard-DCPs nicht und ist obendrein kostengünstig. Jedoch ist das zur Zeit nur für die 4K-Projektoren der Sony-Serie R-510 und R-515 einschließlich der Doppel- und Vierfach-Systeme verfügbar. Deren Kontrastverhältnis bis 8.000:1 ist ein guter Ausgangspunkt, um die von der DCI-Norm geforderte Helligkeit von 14 Footlambert zu überbieten, so Oliver Pasch, Direktor Digital Cinema Europe bei Sony Professional. Nunmehr 30 fl verhelfen den Farben zu neuer Leuchtkraft und Sättigung. Ähnliches habe man für Produkte anderer Hersteller in der Entwicklung, versicherte CEO Jean Mizrahi im Berliner Eiszeit-Kino.

Den Workflow behält Ymagis noch in der eigenen Hand der Eclair-Postproduktionen. Für den Fall einer weiteren Vermarktung winkt man mit auch den Posthäusern mit dem »kostengünstig«-Zaunpfahl. Denn das Grading basiert laut Ymagis auf dem Academy Color Encoding System (ACES), das HDR ebenso wie Wide Color Gamut (WCG, einen über Rec.709 hinaus erweiterten Farbraum) unterstützt. Daher könne EclairColor mit den aktuellen Grading-Tools eingesetzt werden.

HDR als logischer nächster Schritt?

Auf 2K im Kino und HDTV fürs Fernsehen folgen 4K und UHD-1 — dieser Weg ist vorgezeichnet und längst beschritten. Trägt aber die Vervierfachung der Pixelzahl wirklich zur Verbesserung der Bildqualität bei? Letztlich nur, wenn man auch den Betrachtungsabstand einbezieht. Plakativ gesagt gilt: Wer zu weit weg sitzt, sieht keinen Unterschied zwischen HD und UHD.

Anders ist das bei HDR: Hier hat man, wie es in letzterer Zeit verschiedentlich umschrieben wird, nicht nur mehr, sondern »bessere« Pixel. Technik-Lieferanten und Dienstleister wollen daher den gesamten Produktionsablauf für erweiterten Kontrastumfang und gleichzeitig auch für kräftigere Farben fit machen.

HDR bietet sich zur Zeit eher für hochwertige Produktionen an. Produzenten könnte es abschrecken, noch eine weitere Version zu graden, auszuspielen und zu finanzieren. Einen erweiterten Spielraum in Sachen Helligkeit kann man nicht irgendwo auf dem Weg zum Zuschauer digital ins Bild hinein erfinden. HDR verlangt einen kompletten eigenen Workflow.

Das Verfahren, mit unsere Smartphones drei kurz nacheinander abgestuft belichtete Bilder zu einem Foto verrechnen, hat mit HDR für professionelle audiovisuelle Inhalte allenfalls das Kürzel gemein – und auch das zu Unrecht. Die bisher broadcast-üblichen 8 Bit, die für jeden Pixel 256 Farbwerte definieren, reichen für den erweiterten Kontrastumfang nicht. Für HDR sind mindestens 12 Bit Datentiefe erforderlich – das ergibt 4.096 mögliche Werte je Pixel. Daran lässt sich ablesen, dass HDR von den tiefsten Schwärzen bis ultrahellen Lichtern wiedergeben kann, was immer die Kamerachips liefern.

Neben der Erweiterung des Farbraums und des Kontrastumfangs plädieren viele Experten auch dafür, gleich noch den Umgang der Bildtechnik mit schnellen Bewegungen zu verbessern — durch Erhöhung der Bildrate (HFR).

Und wie kommt das Ganze nun ins im Kino und Fernsehen?

Am Anfang steht hier der Kampf um die Vermarktung von Patenten. Für HDR hat Dolby hat einen eigenen Standard entwickelt, der als Dolby Cinema für die Implementierung in Kinos und als Dolby Vision für die Unterhaltungselektronik vermarktet wird. Basis sind 12-Bit-Datenstrukturen, mit denen bis 10.000 Nits erreicht werden sollen. Beides ist patentrechtlich geschützt: Wer es nutzen will, muss dafür bei Dolby Lizenzen erwerben.

HDR10 hingegen ist ein offener Standard. Dieser bescheidet sich auf 10 Bit für den BT.2020-Farbraum. Die Interpretation der Daten wird jedoch dem Endgerät überlassen, so dass sich — abhängig von Leistung und Qualität des Monitors — erhebliche Unterschiede bei der Wiedergabe eines Signals zeigen können.

Auf der Kinofilm-Produzentenseite halten sich Sony und Warner Bros. offen für beide Verfahren. Fox, Paramount und Lionsgate tendieren zu HDR10, während MGM und Universal auf Dolby Vision setzen. Bis hier der Sieger fest steht, heißt es in der Unterhaltungselektronik auch bei LG »unentschieden« – ebenso wie bei den Filmstreamern Amazon und Netflix. Bei 4K-BluRay-Scheiben ist ausschließlich HDR10 angesagt.

Consumer-Markt: HDR statt Pixelkampf?

»Die Zahl der Pixel bringt keine Qualitätsverbesserung«, kommentierte ZDF-Produktionsdirektor Andreas Bereczky während der Funkausstellung 2016. Muss man also UHD mit HDR kombinieren?

Aus technischer Sicht stößt diese naheliegende Kombination durchaus auch auf Bedenken. Allein der große Bandbreitenbedarf trifft auf Kapazitätsgrenzen. Dass allenfalls zwei UHD-Kanäle in einen Sat-Transponder passen, verteuert die Programmverbreitung — einmal davon abgesehen, dass in die senderinternen Infrastrukturen investiert werden müsste.

Und im Kino?

Während es zuhause derzeit am Content fehlt — von wenigen Highlight-Angeboten der Streaming-Plattformen und ein paar UHD-Premium-Blu-rays abgesehen — könnte das Kino über die Bildqualität im Ringen um Zuschauer Punkte sammeln. Dort tritt Ymagis etwa mit den Marken Eclair für Postproduktion und CinemaNext für Kino-Ausstattung  gegen Dolby Cinema an.

Weil EclairColor erst im vergangenen Sommer vorgestellt wurde, hält sich das Filmangebot zur Zeit in Grenzen. Neben eher frankophilen Arthouse-Produktionen wie dem Biopic »Dalida« erwischte Eclair mit dem Mastering von »La La Land« immerhin den Hollywood-Hit des Jahres, um EclairColor in den bisher 16 damit ausgestatteten Kinosälen in Frankreich zu bewerben. In Deutschland können EclairColor-Filme im Nürnberger Cinecitta-Kino und dem Berliner Eiszeit-Kino gespielt werden.

Autor
Peter Dehn
Bildrechte
Peter Dehn
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