Messe, Top-Story: 12.10.2013

IBC2013: Trendreport

Die Broadcast-Messe IBC in Amsterdam stellt als größtes europäisches Event der Branche stets auch ein Trendbarometer dar: Hier zeigen sich die aktuellen und kommenden Trends der Branche und sie lassen sich oft an konkreten Highlights der Messe festmachen.

Jeder der dort war, kann ja für sich entscheiden, ob sich eine bestimmte Messe für ihn gelohnt hat — als Aussteller, wie als Besucher. Das kann ganz spontan geschehen, etwa wenn man dieses eine interessante Produkt gefunden hat, das man schon lange suchte. Oder wenn einem ganz unerwartet etwas begegnete, das einen sofort in seinen Bann zog — und entweder schon vorhandene kreative Ideen beflügelte, oder ganz neue hervorrief.

Manchmal dauert es aber auch länger, bis man wirklich beurteilen kann, ob die Messe etwas gebracht hat. So konnte man in Amsterdam etwa auch viel über die großen, technischen Themen der Branche erfahren, die einen selbst vielleicht nicht heute und auch noch nicht morgen, aber irgendwann dann doch betreffen: 4K, Cloud und Virtualisierung etwa. Auch nach der Erkenntnis, dass zumindest die Herstellerseite nun nahezu gänzlich in der file-basierten Welt angekommen ist und zukünftig Streaming auch in der internen Signalverteilung eine Rolle spielen kann, musste man nicht lange suchen. Solcherlei grundlegende Erkenntnisse werfen natürlich auch wieder neue Fragen auf. Plötzlich spielen etwa Content Management oder Quality Control auf File-Ebene eine größere Rolle.

Solche ganz unterschiedlichen Aspekte der Branche spiegeln sich im breiten Aussteller- und Produktspektrum der IBC deutlich wider. Dennoch lassen sich auch stets übergreifende Trends ausmachen, die breiteren Einfluss haben oder besonders hervorstechen.

4K in aller Munde

Natürlich war 4K eines der großen Themen der Messe, wenn nicht sogar das Generalthema. Neben den Vorreitern und Lanzenträgern, die damit schon bei vergangenen Messen vorpreschten, steigen nun auch viele der zunächst eher skeptischen, vorsichtigen Unternehmen in das Thema ein. Lässt man mal die Vortrompeter am einen und die Dauernörgler am anderen Ende der Skala außer Betracht, kann man die Einschätzung der Mainstream-Vertreter vielleicht so zusammenfassen: 4K wird in den nächsten Jahren auf breiter Front kommen — zumindest auf der Produktionsseite. Es wird sich im Markt etablieren, in manchen Bereichen wird das schneller gehen, in anderen langsamer — aber es führt letztlich kein Weg daran vorbei.

Bei Panasonic etwa, wo man noch zur NAB2013 4K als absolutes Randthema bewertet und behandelt hatte, das noch weit in der Zukunft liege, bekannte man sich zur IBC2013 nun eindeutig dazu, eine ganze Palette an 4K-Produkten zu entwickeln. (Weitere Meldungen hierzu: Aja, Blackmagic, Sony.)

Während aber Panasonic mit seinen 4K-Aktivitäten eher am Akquisitionsende der Produktionskette ansetzt, tut sich auch am anderen Ende etwas: Der TV-Sender Sky zeigte beispielsweise im Zusammenspiel mit SES Astra, wie sich Ultra-HD-Material kodiert in HEVC übertragen und empfangen lässt. Aus der Sicht von Sky ist HEVC als Codec die Zukunft der Ultra-HD- und 4K-Übertragung. Bis vor kurzem fehlte hierfür noch das passende Equipment, doch mittlerweile gibt es die ersten En- und Decoder, mit denen zumindest Tests möglich sind.

Warum aber sollte es nun bei 4K anders laufen als bei Stereo-3D, einem Thema, das ebenfalls mal ganz groß gehandelt wurde und das nun wieder ganz klar auf Nischengröße zusammengeschrumpft ist?

Einer der wichtigsten Unterschiede besteht vielleicht darin, dass Stereo-3D den Anwendern ganz neue Arbeitsweisen abverlangt und viel schwieriger mit vorhandenem Equipment und etablierten Arbeitsweisen zu integrieren ist. Das fängt beim sperrigeren Aufnahme-Equipment an und geht durch bis zu den Displays.

Ganz anders bei 4K: Die Herausforderung, die 4K mit sich bringt, soll hier keineswegs kleingeredet oder banalisiert werden, aber in vielen Fällen kann man 4K einfach mit einer höheren Datenrate gleichsetzen — ansonsten bleibt sehr vieles gleich.

Die höhere Datenrate hatte Stereo-3D aber — zusätzlich zu zahlreichen anderen Verkomplizierungen — auch schon mit sich gebracht, so dass hier der Weg schon geebnet ist.

Natürlich wird es letztlich viele Jahre dauern, bis 4K da steht, wo heute HD steht, aber es wird wesentlich leichter dahin kommen, als das bei Stereo-3D möglich wäre.

Zurück in die Gegenwart: In der Akquisition ist 4K definitiv angekommen und wird vermutlich relativ schnell erfolgreich sein, wenn es auch in der Startphase nicht immer und überall rund läuft. Blackmagic etwa kündigte zur IBC2013 an, dass der Lieferstart der zur NAB2013 vorgestellten 4K-Kamera noch auf sich warten lasse (Meldung).

Das umfangreichste 4K-Kamera-Lineup zeigte derzeit Sony: Neben F5, F55 und F65 und einem neuen 4K-Live-Workflow (Meldung) präsentierte der Hersteller auch den neuen 4K-Handheld PXW-Z100 (Meldung) und dessen Consumer-Pendant FDR-AX1 sowie eine aktualisierte Version des Slowmotion-Camcorders FS700 (Meldung), der mit externem Recorder ebenfalls 4K-Aufzeichnung beherrscht.

4K, 8K — any K

Bei einer Messe wie der IBC wandert der Blick natürlich auch in die entlegeneren Ecken der Branche und in die weitere Ferne. Was kommt nach 4K? Der logische nächste Schritt nach 4K ist natürlich 8K.

8K-Fernsehen ist aber im Grunde genommen totaler Quatsch. In anderen Bereichen, wenn man nicht an die klassische TV-Nutzung denkt, mag es an der einen oder anderen Stelle Sinn ergeben, Auflösungen von 8K oder mehr einzusetzen: Überall dort etwa, wo man nur Ausschnitte des Bilds nutzt, und auch dort, wo man sehr groß oder sehr breitwandig projizieren will, sich die Betrachter aber nah am Bild aufhalten. Im Fernsehbereich hingegen ergibt 8K keinen Sinn.

Manch einer hält ja auch 4K schon für Quatsch oder zumindest für überflüssig, aber wer mit realistischem Blick den Markt betrachtet, dürfte wohl kaum noch Zweifel haben, dass 4K schon bald erhebliche Marktanteile erreichen wird — zumindest in der Produktion. Die Distribution dürfte noch etwas länger brauchen: Zwar gibt es  — wie weiter oben schon erwähnt — erste Ansätze und Ankündigungen, aber bis das Thema bei den Endkunden Breitenwirkung entfaltet, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern.

Weshalb ist 8K-Fernsehen Quatsch? Beim japanischen 8K-Fernsehsystem Super Hi-Vision — das auch bei der IBC2013 wieder zu Gast war — ist die Auflösung auf 7.680 x 4.320 Bildpunkten bei einem Seitenverhältnis von 16:9 festgelegt und die Erfinder des Systems empfehlen einen Betrachtungsabstand vom 0,75fachen der Bildhöhe. Sitzt man weiter weg, dann hat man im Grunde gar nichts mehr von der höheren Auflösung, weil das menschliche Auge eben auch nur eine begrenzte Auflösung erreicht: Wenn man immer noch mehr Pixel anbietet, ohne den Betrachtungsabstand zu ändern, sieht man einfach keinen Unterschied mehr — und irgendwann ist das Bildfeld halt komplett ausgefüllt, wenn man immer näher an den Schirm rückt.

Was das in der Praxis bedeutet, machen folgende beiden Beispiele deutlich: Wer in einem 2 m langen Bett liegend Super Hi-Vision mit dem empfohlenen Betrachtungsabstand genießen will, der muss am Fußende des Betts ein Display mit einer Bilddiagonale von mehr als 5 m aufstellen. Oder andersrum betrachtet: Wer einen 100-Zoll-Fernseher mit Super-Hi-Vision-Auflösung aufbaut, dem empfehlen die Erfinder einen Betrachtungsabstand von 90 cm, wenn man in den Genuss der höheren Auflösung kommen und die Bildqualität wirklich ausnutzen will.

So betrachtet, wird das Wettrennen um immer mehr »K« vielleicht schon bald keinen Sinn mehr ergeben und auch keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken. Heute allerdings scheint es noch zu funktionieren …

Arri Amira: die kleine Alexa

Arri überraschte zur IBC2013 mit der Ankündigung der Arri Amira: einer Kamera im Stil einer kleinen Alexa, die aber für die Einmannbedienung ausgelegt ist (Messe-Video). Die Amira verbindet den Sensor und die Bildverarbeitung der Alexa mit eher ENG-typischer Funktionalität, wie etwa einer kompletten On-Board-Audiosektion. Bei Arri heißt das dann »Documentary Style Camera«. Damit hat der deutsche Kamerahersteller ganz offenbar einen Nerv getroffen: Die neue Arri-Kamera war stets von Interessenten umlagert und zählte zu den Messeattraktionen.

Die Amira ist mit dem gleichen Sensor wie die Alexa ausgerüstet und kann HD- wie 2K-Bilder aufzeichnen. Den Dynamikumfang der Amira gibt Arri mit mehr als 14 Blenden an. Weiter hebt der Hersteller das geringe Rauschen, das Highlight-Handling, das natürliche Farbbild und vor allem auch die gute Hauttonwiedergabe und natürlich die Aufzeichnung mit bis zu 200 fps hervor. Weiter bietet die Kamera — im Unterschied zur Alexa — auch mehrkanalige Audioaufzeichnung. Die Amira zeichnet Rec 709 oder Log-C-Bilder auf und nutzt dabei die Codecs ProRes LT, 422, 422HQ oder 444. Aufgezeichnet wird auf zwei CFast 2.0 Flash-Memory-Speicherkarten.

Minikameras

Das Interesse an hochwertigen Miniaturkameras ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Kleine Kameras eignen sich gut, um extreme Blickwinkel und subjektive Kamera zu realisieren, sie behindern den Blick des Publikums weniger, sie können einfacher in Fahrzeuge eingebaut und Schauspielern oder Sportlern als Point-of-view-Kameras mitgegeben werden. Dabei gibt es ganz verschiedene Entwicklungsrichtungen und mittlerweile ist eine breite Palette an HD-Kameras verfügbar, die stetig weiterentwickelt, verfeinert und ergänzt wird. Auch die IBC hatte hier einiges zu bieten.

Eine Besonderheit in diesem Segment hat das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) zu bieten: den wahrscheinlich kleinsten HD-Camcorder der Welt (Messe-Video). Die gemeinsam mit Red Bull Media aus der Android-Kamera Inca (IBC2012-Video) entwickelte Holgerson Eagle Cam 2.0 besteht aus einem etwa daumengroßen HD-Kamerakopf und einer Elektronik mit Speicherkartenmodul in der Größe von zwei Kugelschreibern. Ein Adler konnte den Mikro-Camcorder im Flug am Körper tragen und so wurden fantastische Flugaufnahmen möglich, bei denen man dem Adler etwa im Flug über die Schulter blickt.

Eine andere Zielrichtung besteht darin, Minikameras zu bauen, die ein möglichst ähnliches Bild wie Broadcast- oder digitale Filmkameras  ermöglichen, damit man die Bilder der Minikameras möglichst problemlos mit denen großer Kameras mischen kann. Hier sind etwa Kameras wie die SinaCam (Messe-Video) zu nennen, die Indiecam-Modelle, die Modula von Easylook oder die Cerberus-Baureihe von LMP (IBC2013-Meldung). Bei diesen Kameras findet ebenfalls eine stetige Weiterentwicklung statt, da hier etwa im Software-Bereich immer noch Verbesserungsmöglichkeiten bestehen, auch wenn kein neuer Sensor verwendet wird.

Interessant ist etwa auch die Novo (Messe-Video), eine gepimpte GoPro, die man aber nicht kaufen, sondern ausschließlich mieten kann (in Deutschland bei P+S Technik).

Einen China-Nachbau der GoPro gab es im Rahmen der IBC2013 ebenso zu sehen, wie auch viele Minikameras aus dem Consumer-Bereich, darunter etwa auch die neuen, in Verbindung mit einem Smartphone oder Tablet nutzbaren, sehr kompakten Kameras der SmartShot-Baureihe von Sony (Meldung), die aussehen, als handle es sich nur um ein Objektiv.

Large-Sensor-Kameras im Live-Bereich

Arri machte mit der Alexa FRO (IBC2012-Video) den ersten Vorstoß, und das Interesse aus dem Bereich Multikamera/Live-Produktion, Single-Sensor-Kameras einzusetzen und damit einen neuen Look zu realisieren, war offenbar groß genug, als dass sich nun auch andere Hersteller dieses Themas annehmen.

In die gleiche Richtung zielt etwa eine Kooperation zwischen Arri und Ikegami: Dabei verheiratet Ikegami die Sensortechnologie der Alexa mit der Signalverarbeitung und Studioanbindung einer Ikegami-Studiokamera, um sozusagen »the best of both worlds« zu bekommen: die geringe Schärfentiefe und den filmischen Look innerhalb der üblichen Workflows einer Mehrkamera/Live-Infrastruktur.

Nun kommen aber auch andere nach und setzen in bestimmten Aspekten sogar noch eins drauf: Für die F55 bietet Sony nun einen Adapter an, der es erlaubt, die Kamera in einem üblichen Ü-Wagen-Umfeld zu nutzen, aber dennoch in 4K aufzuzeichnen (Meldung). Man kann die 4K-Kamera mit großen Sensor auch direkt für den Live-HD-Betrieb einsetzen und gleichzeitig das jeweilige Ereignis für die spätere Auswertung in 4K-Raw aufzeichnen.

Auch Canons C500 wurde schon verschiedentlich in Live-Umfeldern verwendet, obwohl sie dafür ursprünglich nicht konzipiert wurde und sie dabei sowohl von der Bauform, wie von den Fernsteuermöglichkeiten, Kompromisse erfordert: Der Wunsch nach einem neuen Look im Live- und Multikamera-Bereich ist definitiv greifbar — vielleicht nur ein Strohfeuer, aber derzeit ein heißes Thema.

Social Media treibt Live-TV

Oft wird das Verhältnis der jungen, internet-basierten Medien zum Fernsehen eher als Wettkampf um Augenpaare und Aufmerksamkeit beschrieben, der Konkurrenzgedanke steht meist im Vordergrund. Es gibt aber einen Bereich in der TV-Branche, auf den die sogenannten sozialen Medien einen fördernden Einfluss haben: die Live-Produktion. Das liegt daran, dass es den Zuschauerquoten von Casting-Shows und Quizsendungen abträglich ist, wenn alle vorher schon wissen, wer gewinnen wird. Dank Twitter, Facebook und anderer Plaudermedien bleibt aber das Ergebnis jeglicher Veranstaltung, bei der Publikum zugegen ist, nicht lange geheim.

Das einzige Mittel, das dagegen hilft, ist eben eine Live-Veranstaltung — und dann natürlich am besten mit Live-Voting per Telefon oder SMS durch die Zuschauer, damit noch zusätzliche Erträge durch Telefonentgelte in die Kasse gelangen. Zur Not geht natürlich auch Online-Voting, das immerhin zu ordentlich Traffic führt und sich natürlich mit Online-Werbung kombinieren lässt.

Goldene Zeiten also für die Hersteller von Equipment für Live-Übertragungen und für die Dienstleister in diesem Bereich? Letzteres kann man — zumindest für Deutschland — ganz klar verneinen: Ähnlich wie der Rental-Markt ist auch der Markt für Dienstleistungen in der Live-Produktion von einem heftigen Preiskampf gekennzeichnet. Aber zumindest gibt es durch das Social-Media-Leaking vielleicht die eine oder andere zusätzliche Live-Produktion und die im Markt vorhandenen Kapazitäten werden etwas besser ausgelastet. Und insgesamt bewirkt dieser Trend hin zur Live-Produktion eine gewisse Belebung dieses Marktsegments und das war auch während der IBC2013 deutlich zu spüren.

Stabilizer-Rigs, Slider — und mehr

Dollys, Rigs oder Slider sind längst nicht mehr bloß bei High-End-Projekten im Einsatz. In den vergangenen Jahren gab es immer mehr Anbieter, die kostengünstiges Zubehör entwickelt haben — beflügelt durch den Einsatz kleinerer, leichterer Kameras und DSLRs, die man auch leichter gleichmäßig bewegen kann. Auch bei der IBC2013 konnte man vieles davon besichtigen, der neueste Schrei sind elektronisch stabilisierte Rigs, die einen Kreisel und bürstenlose Schrittmotoren nutzen, um die Kamera innerhalb eines wackelnden Rigs ruhig zu halten. In Deutschland haben beispielsweise die Campilots mit Colibri ein entsprechendes System vorgestellt (Meldung). Bei der IBC konnte man mit Movi ein solches Stabilizer-Rig von Freefly Systems sehen und am Stand von P+S-Technik zeigte Radiant Images ebenfalls ein elektronisch gesteuertes Stabilizer-Rig, das auf die Novo-Minicam abgestimmt ist (Messe-Video).

Neuheiten gibt es auch bei kompakten Remote-Schienendollys. So präsentierte etwa der deutsche Anbieter Blackcam sein neuestes, kleinstes System B10 (Messe-Video). Es ist besonders für kleine Kameras in der Größenordnung der SinaCam, der Indiecam, der Cerberus-Reihe oder der GoPro Hero geeignet, kann aber auch mit kleinen Dome-Kameras genutzt werden. Der Schienendolly kann stehend oder hängend genutzt werden und wird oft auf Bühnen eingesetzt.

Ebenfalls sehr interessant: Die von TV Skyline und Plazamedia präsentierte QubeCam (Meldung). Das ist ein kompakter Remote-Head mit Motion-Control-Option. Der kompakte Kamerakopf mit optischem 20fach-Zoom ist für HD-Produktionen mit Datenraten bis 3G geeignet. Der Kamerakopf lässt sich um 360 Grad endlos drehen, dabei schafft die Kamera auch hohe Geschwindigkeiten: eine komplette Umdrehung ist bei maximale Geschwindigkeit in weniger als zwei Sekunden möglich.

File-based ist jetzt Status Quo

Vor wenigen Jahren wurden die ersten file-basierten Camcorder vorgestellt und seither haben diese Geräte den Markt revolutioniert. Mittlerweile ist die file-basierte Produktion auch dort angekommen, wo man ihr mit größerer Skepsis begegnete. In Produktion und Postproduktion ist der Umgang mit Files mittlerweile tägliches Brot, und mit den neuen Workflows sind auch neue Herausforderungen entstanden. Wohin mit den Datenmengen? Wie lässt sich das ganze Material sinnvoll verwalten, wie organisiert man ein vernünftiges Metadaten-Handling, ein modernes Asset-Management? Und wie prüft man die Qualität der Files? Mit Fragen wie diesen schlagen sich viele Kunden herum, und es ist ganz sicher nicht einfach, darauf die richtigen Antworten zu finden. Zu vielschichtig sind die Angebot, zu undurchsichtig die Vermarktungskonzepte und zu unterschiedlich die Funktionslisten der Angebote.

Da die Entwicklung aber nicht stillsteht, öffnen sich hier derzeit weitere Türen, die man mit den Schlagworten »Cloud« und »IP statt SDI« umschreiben kann und um die es in den folgenden Abschnitten geht.

Die Profi-Cloud — steht nun ein echter Paradigmenwechsel vor der Tür?

Ein Dauerthema der vergangenen Messen war die Cloud: Produkte, Dienstleistungen und Services also, die ausgelagert werden in die »Wolke«, wo Rechenpower und Speicherkapazitäten rund um den Globus online bereitstehen.

Bei den Cloud-Services geht es letztlich nicht nur darum, ob man nun seine Daten lokal speichert oder auf einem virtuellen, entfernten Server ablegt. Das Ganze geht wesentlich tiefer und rührt unter verschiedenen Aspekten an die Grundfesten der Branche. Betrachtet man etwa Modelle wie Adobes Creative Cloud, wo man Software je nach Bedarf mietet und kollaborative Workflows schon angelegt sind, dann bewirken diese nicht nur, dass nun zur IBC2013 auch Autodesk ganz ähnliche Angebote launchte — und viele andere folgen werden. Vielmehr wirft das auch grundlegende Fragen etwa für Handel und Vertrieb auf (Messe-Video mit Bill Roberts).

Wenngleich etwas anders gelagert, haben auch Services wie Sonys Ci, eine Online-Produktionsplattform für Profis, zumindest großes Potenzial, tiefgreifende Änderungen in der Arbeitsweise weiter Bereiche der Branche zu bewirken (Messe-Video mit Naomi Climer). Wenn tatsächlich das gesamte Material, das Teams vor Ort aufnehmen, praktisch gleichzeitig auf einem Online-Speicher aufläuft und dort browser-basiert gesichtet und bearbeitet werden kann, dann ist das ein tiefer Einschnitt in die tradierten Arbeitsweisen: Plötzlich werden dann parallelisierte Workflows für ein breites Spektrum von Produktionen nutzbar, die bisher nur für große Sender im Live-Bereich, etwa bei großen Sportveranstaltungen, realisierbar waren.

Sony hat diese Idee nicht als erster entwickelt, hat aber die Möglichkeit, das Ganze — von der Kamera angefangen — als integrierte Lösung aufzuzäumen: Keine Frickel- und Bastellösung mit zahllosen Zubehörteilchen, vielen verschiedenen Ansprechpartnern und Problemen an jeder Schnittstelle, sondern eine Lösung aus einem Guss, die zumindest einen großen Teil der Anwendungsfälle zufriedenstellend abdeckt. Noch ist Ci keineswegs an diesem Punkt angekommen, aber immerhin hat sich Sony schon mal auf den Weg gemacht.

Wollen die Anwender eine solche Lösung? Können sie sich vom Gedanken trennen, das Material auf einem physischen Träger besitzen zu müssen? Was ist mit der Sicherheit und Exklusivität der eigenen Aufnahmen? Stehen in der Praxis überhaupt ausreichende Bandbreiten zur Verfügung? So stellen sich ganz zweifellos noch etliche kritische Fragen — aber auch beim Aufnehmen auf Speicherkarten und in der file-basierten Produktion haben sich diese Fragen gestellt, aber beides hat sich dennoch vergleichsweise schnell durchgesetzt: Weil den Bedenken eben auch Vorteile entgegenstanden und -stehen.

So zeichnet sich derzeit ein weiterer Paradigmenwechsel in der Medienproduktion ab, der tiefer gehen kann, als die Frage, ob man nun ein paar Pixel mehr oder weniger in der Gegend herumschiebt.

Future of Video: IP statt SDI

Als Sony vor zwei Jahren einen ersten Prototypen seines IP-basierten Live-Produktionssystems vorstellte, drehte sich vielen Branchen-Veteranen der Magen um: ein IP-basiertes Produktionssystem statt einer klassischen Umgebung, die auf SDI-Vernetzung basiert? Das erschien so manchem doch recht voreilig. Mittlerweile ist die Technik aber schon ein gutes Stück weiter, und selbst wenn eine Fußball-WM vielleicht noch nicht mit einer IP-basierten Technikinstallation produziert wird, so ist die Branche diesem Szenario doch ein gutes Stück näher gekommen.

Viele Hersteller präsentierten in Amsterdam Systeme und Produktionsmodule, bei der klassische SDI-Technik von IP-Technik abgelöst wird, darunter etwa auch Axon wo es erste Produkte zu sehen gab, die unter Einsatz von »Audio Video Bridging« Live-Signale via Ethernet übertragen (Meldung). Damit werden Live-Produktionen mit geringer Laufzeit über Standard-IT-Strukturen realisierbar — inklusive Monitoring, Signalmanagement und Sicherheitsfunktionen.

Selbst Live-Videomischer, bislang immer noch Bastionen spezialisierter Hardware, die mit Videosignalen gefüttert werden muss — im Broadcast-Bereich im Normalfall via SDI-Verbindung — sind vielleicht schon bald nicht mehr alternativlos. So kommt etwa von Scalable Video Systems (SVS) aus Weiterstadt ein ganz neues Mischerkonzept, das verteilte, per IT-Netzwerk verbundene Installationen von Mischermodulen erlaubt (Meldung).

Die Entwicklungsingenieure von SVS sind keine Unbekannten in der Branche: Etliche davon waren an der Entwicklung von Videomischern beteiligt, die dann unter den Marken BTS, Philips, Thomson und Grass Valley auf den Markt kamen. Unter dem Dach der neuen Firma SVS setzen die Entwickler aus Weiterstadt nun auf ein vollkommen neues Mischerkonzept: Der klassische Videomischer ist dabei sozusagen in seine Elemente zerlegt, diese können über verschiedene Orte verteilt werden, agieren aber auf Wunsch wieder wie ein einziger integrierter Mischer. Die einzelnen Systembestandteile sind dabei per IT-Netzwerk miteinander verbunden, erlauben aber dennoch das Arbeiten in Echtzeit, wie es im Live-Bereich unabdingbar ist.

Die Bildverarbeitung erfolgt nicht mit spezialisierter, dedizierter Hardware, sondern mit zwar sehr leistungsfähigen, aber handelsüblichen GPUs aus dem PC-Bereich. Das hat den Vorteil, dass die SVS-Lösung von der ständig steigenden Processing-Power im Bereich der Grafikkarten und deren durch hohe Stückzahlen vergleichsweise niedrigeren Preisen profitieren kann.

Apple out, Adobe in

Manchmal genügt ein kleiner Fehler, eine Laune, eine Überheblichkeit, um innerhalb kürzester Zeit all das zerstören, was man in den Jahren zuvor mühevoll aufgebaut hat. Vertrauen lässt sich halt nur langsam aufbauen, ist aber sehr schnell verspielt. Apple etwa hat das sehr anschaulich vorexerziert: Mit der Einführung von Final Cut Pro X und der Art und Weise, wie dies vollzogen wurde, hat sich der Hersteller mehr oder weniger aus dem Broadcast-Bereich und letztlich fast aus dem ganzen Profi-Videobereich selbst herauskatapultiert — zumindest was die Software betrifft.

Spätestens seit der IBC2013 muss man konstatieren: Apple ist raus, Adobe ist in die entstandene Lücke gesprungen — und hat sich dort besser eingerichtet und etabliert als je zuvor. Adobe hat mit seinen Cloud-Lösungen diesen Markt mittlerweile nahezu komplett belegt und mit vielen Partnerschaften ein Netzwerk geknüpft, das mittlerweile weit in den Broadcast-Bereich hineinreicht. Über Apple wurde im Grunde nicht mehr viel gesprochen — teilweise hatte man den Eindruck, als hätte es diesen Hersteller jenseits von iPhone und iPad in der Broadcast-Branche gar nie gegeben. Wo früher zahllose Firmen Anbindungen und engen Kontakt zu Apples Final Cut Pro suchten, sind nun nur noch ein paar Anbieter wie Tools On Air übriggeblieben, die es verstanden haben, mit eigener Software die Vorzüge von Apple-Hardware für eigenständige Systeme wie die »TV-Station in a Mac« zu nutzen (Meldung).

Vielleicht schwingt das Pendel wieder ein bisschen in Richtung Apple zurück, wenn der neue Mac Pro kommt (Meldung): Viele Anbieter und Anwender erhoffen sich von diesem Rechner noch einmal einen deutlichen Schub — gerade auch für Profilösungen von Drittanbietern. Doch Apple muss diesen neuen Rechner erst einmal ausliefern, bis dahin bleibt letztlich alles nur Spekulation.

Technologie-Leckerbissen

Manchmal verbirgt sich an den kleinsten Messeständen großes technologisches Potenzial — so etwa auch bei Ncam: Der Hersteller zeigte in einer kleinen Ecke des Filmlight-Standes während der IBC2013 sein Echtzeit-Kamera-Tracking. Dessen Anwendungsmöglichkeiten reichen vom Animationsfilm bis zur Live-TV-Übertragung: Damit können in Echtzeit virtuelle und reale Bildelemente verknüpft werden, während man in einem realen Set mit frei bewegter Kamera dreht (Messe-Video).

Ncam ist ein Kamera-Tracking-System, das in Echtzeit und ohne jegliche Marker oder Gitter funktioniert. Man kann damit die virtuelle Welt einer 3D-Animation mit der physischen Welt verbinden: Die reale Kamera steuert dabei die virtuelle Kamera und man kann live die 3D-Animation und eine mit vollkommen frei beweglicher Kamera gefilmte, reale Szene kombinieren.

Eine Tracking-Einheit an der Kamera erfasst dabei ein 3D-Bild des Sets und erzeugt zusammen mit anderen Sensoren und den Objektivdaten der Kamera in Echtzeit alle notwendigen Daten, um die virtuelle Kamera zu steuern. Dabei sucht und speichert das System während des Betriebs zusätzliche Trackingpunkte im Set, in dem gedreht wird. Der Kameramann sieht auf dem Suchermonitor stets die Kombination aus Realaufnahme und 3D-Animation, während er die Kamera als Hand- oder Schulterkamera benutzt und frei im Set bewegt.

Interessant sind ganz zweifellos auch Technologien an denen das Forschungsinstitut Fraunhofer IIS arbeitet. Zur IBC zeigten die Wissenschaftler zwei Möglichkeiten, um mit existierenden Sensoren HDR-Aufnahmen machen zu können (Meldung) und eine Kombination aus einem Kamera-Array und einer Algorithmik, mit der man Schärfeebene und Blickwinkel einer Aufnahme auch in der Postproduction noch ändern kann (Meldung).

Fazit

Die IBC2013 lieferte die aktuelle Momentaufnahme einer Branche, die sich zwar permanent wandelt, nun aber wieder vor größeren technischen Umwälzungen steht — auch wenn viele das derzeit noch nicht wahrhaben wollen. Natürlich geschieht in einer im Grunde konservativen Branche, die alles, was schon mal funktioniert hat, auch sehr gerne einfach so weitermacht wie bisher, so gut wie nichts über Nacht, sondern es wird etliche Jahre dauern, bis sich die tiefergehenden der oben genannten Trends auf breiter Basis auswirken. Das Bessere ist stets der Feind des Guten, selbst wenn es sich im Endeffekt nicht durchsetzen sollte — und das gilt eben auch in der Broadcast-Branche.

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13.09.2013 – IBC2013: This is how we do it
15.10.2013 – IBC2013: Alle Meldungen im Überblick